Besiegt oder befreit ?

2005 ist - wieder einmal - das Jahr "großer" Gedenktage. Am 08. Mai waren es 60 Jahre, dass der schrecklichste aller Kriege zu Ende ging. Ganz sicher ist dies ein Anlass, eines solchen Tages zu gedenken, ist er doch ein tiefer Einschnitt in der Geschichte unseres Volkers.

Die Gefühle, die mit einem solchen Datum verbunden sind, sind für die Menschen in unserem Land vielfältig, ja oft zwiespältig.

Wir wissen, dass dieser Krieg von deutschem Boden ausging. Deshalb muss aber diese unumstößliche Tatsache nicht immer und immer wieder - nahezu gebetsmühlenartig - von kompetenten, aber auch von inkompetenten Leuten bei jeder passenden oder auch unpassenden Gelegenheit wie eine Fahne vor sich hergetragen werden.

Wir deutschen Heimatvertriebenen haben für diesen fürchterlichen Krieg schwer bezahlen müssen. Wir erinnern uns, dass mit dem Ende dieses Völkerringens die Vertreibung von rund 15 Millionen deutscher Menschen aus ihrer angestammten Heimat im Osten und Südosten Europas begann. Mit der Vertreibung ging auch die entschädigungslose Enteignung ihres Privatvermögens einher. Fast zweieinhalb Millionen Menschen verloren - nach Beendigung der Kriegshandlungen unter grausamen Umständen - ihr Leben.

Diese Tatsachen zu erwähnen, hat nicht das Geringste mit einer Relativierung deutscher Schuld zu tun. Aber die Würde der Opfer mahnt die Erinnerung an sie im Bewusstsein des ganzen deutschen Volkes an. Dies ist die ganz konkrete Aufgabe der deutschen Heimatvertriebenen und besonders unseres Verbandes.

Dabei sollen wir nicht müde werden auch darauf hinzuweisen, dass trotz dieses schweren Schicksals die deutschen Heimatvertriebenen mit als Erste nicht nur auf Rache und Vergeltung verzichtet, sondern auch die Hand zur Versöhnung ausgestreckt haben.

Die Charta der deutschen Heimatvertriebenen vom 05. August 1950 zeugt von dieser großartigen moralischen Vorleistung, die bis heute von manchen nicht erkannt wurde. Wer zu einer Zeit, als er den gewaltsamen Verlust von Haus, Hof und Heimat zu beklagen hatte, zu solchen Aussagen fähig war, der hätte in der Tat den Friedensnobelpreis verdient.

Deshalb erfüllt es uns Vertriebene mit großem Unverständnis, wenn in der öffentlichen Wahrnehmung der 08. Mai ausschließlich als Tag der Befreiung gesehen wird.

Theodor Heuss, der erste Bundespräsident nach dem Ende des Krieges, hat es, so meine ich, treffend ausgedrückt, was wir an einem solchen Tage wie dem 08. Mai empfinden: "Erlöst und vernichtet in einem".

An vielen Orten unseres Hessenlandes stehen Gedenksteine, die an das schwere Schicksal der deutschen Heimatvertriebenen erinnern sollen. Bei vielen dieser Gedenkstätten lesen wir fünf Worte, die Aufruf und Mahnung für die Zukunft zugleich sein müssen:

NIE WIEDER KRIEG UND VERTREIBUNG

Alfred Herold
BdV-Landesvorsitzender