Das Haus der Begegnung in Königstein/Ts darf kein Opfer der Geschichtslosigkeit werden

Das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 60 Jahren steht im Mittelpunkt vieler Veranstaltungen in diesem Jahr. Für die deutschen Heimatvertriebenen war der 8. Mai 1945 kein Tag der Befreiung, sondern Gewalt, Mord und Rechtlosigkeit, die in der Vertreibung aus der angestammten Heimat endete, setzten sich unter anderen Vorzeichen fort. Über 14 Millionen Deutsche aus den deutschen Ostprovinzen, aus dem Sudetenland sowie aus den deutschen Siedlungsgebieten im östlichen Europa flohen vor der Roten Armee oder wurden vertrieben. Millionen kamen in den Kriegswirren und auf der Flucht um. In der Tschechoslowakei kam es zu Massakern unter der deutschen Zivilbevölkerung.

Bis zum 1. Juni 1949 wurden in Hessen 652.298 Personen im Sinne des Flüchtlingsgesetzes aufgenommen. Der Rechtsbegriff war damals Flüchtling.

Viele der Heimatvertriebenen suchten im Glauben ihre durch die Vertreibung und die damit verursachte Entwurzelung gerissenen seelischen Wunden zu heilen. Die Kirche war für viele ein Stück Heimat.

Kirchliches Zentrum der katholischen Heimatvertriebenen in Hessen war die Diözese Limburg. In Königstein/Ts. entstand bereits im Jahre 1946 ein Internat für Jungen aus heimatvertriebenen Familien (Schule des Albertus-Magnus Kollegs). Dort wurde weiter ein Priesterseminar für heimatvertriebene Theologen eingerichtet. Die Gebäude der ehemaligen Kaserne waren vom Land Hessen gemietet. Der Koreakrieg brachte einen Wendepunkt. Die Hessische Landesregierung stellte das Albertus-Magnus-Kolleg vor die Alternative, die Gebäude zu räumen oder käuflich zu erwerben.

Prälat Adolf Kindermann entschloss sich mit Hilfe von Spenden Heimatvertriebener Zum Kauf. 1954 konnte der Grundstein für ein anderes Projekt, dem "Haus der Begegnung" gelegt werden. Die Einweihung erfolgte im Jahre 1955. Die Presse schrieb von einer der modernsten und schönsten Tagungsstätte in Hessen.

Königstein entwickelte sich zu einem Zentrum der Vertriebenenarbeit. Hunderte von Tagungen und Seminaren wurden durchgeführt. Internationale Begegnungen fanden statt. Weitere Häuser wie das Haus "Werenfried" und das Haus "Michael" entstanden.

Als weitere Einrichtung ist das Katholische Institut für Sozialforschung und Flüchtlingsfragen zu nennen. Internationale Bedeutung kam 1962 dem Internationalen Kongress für Religionssoziologie mit Gästen aus allen Erdteilen zu.

1968 war das Haus Gastgeber der Vollversammlung der deutschen Bischofskonferenz. Die "Königsteiner Erklärung" ist in die Theologiegeschichte eingegangen.

Die Blütezeit des "Hauses der Begegnung" endete mit dem Tod von Bischof Kindermann im Jahre 1974. Die Nachfolger läuteten das Totenglöckchen bezüglich der Vertriebenenarbeit ein. Der schleichende Tod eines Stückes Heimat der Vertriebenen nahm seinen Anfang. Es folgte der Zusammenschluss des Albertus-Magnus-Kollegs mit dem "Haus der Begegnung" zu einem Verein. Das Vermögen des Albertus-Magnus-Kollegs fiel der Diözese Limburg zu. Das Haus der "Begegnung" wurde an die Stadt Königstein veräußert. Es besteht ein Plan, das "Haus der Begegnung" , das unter Denkmalschutz steht, abzureißen. Der Denkmalschutz wehrt sich jedoch entschieden gegen den Abbruch. Ein Bürgerbegehren soll den Abriss verhindern. Auch bestehen Pläne, das Offiziershaus der alten Kasernen, in dem der erste Vertriebenenbischof, Maximilian Kaller, sein Büro hatte und in dem sich heute die Bibliothek des Instituts für Kirchengeschichte von Böhmen, Mähren und Schlesien befindet, dem Erdboden gleich zu machen.

Wie bekannt wurde, ist bereits wertvolles Kulturgut der Heimatvertriebenen vernichtet worden. So verschleuderte man die Hochschulbibliothek, die Prof. Kindermann 1946 aus Prag rettete, an ein Antiquariat. Die Bibliothek des Kriegsgefangenenseminars Chartres kam in den Reißwolf.
Die Vernichtung dieses wichtigen und einmaligen Kulturgutes löste große Entrüstung aus. Auch fand man es nicht für notwendig, in einer Gedenkstunde an die Einweihung des "Hauses der Begegnung" zu erinnern. Heimatvertriebene betrachten die eingeschlagene Verfahrensweise als einen Skandal. Sie sprechen von Geschichtslosigkeit der Verantwortlichen. Offensichtlich hat man die Aufbauleistung der Heimatvertriebenen in kirchlichen Kreisen bereits aus dem Gedächtnis gelöscht.

Adolf Wolf