60 Jahre Vertreibung - Neubeginn in Hessen

Im Jahre 1946 begann aufgrund des Potsdamer Protokolls die sogenannte "organisierte Vertreibung". Die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs vereinbarten damals die planmäßige Massenvertreibung der Deutschen aus dem polnischen und tschechoslowakischen Bereich sowie aus Ungarn. Nach dem Potsdamer Protokoll sollte die "Umsiedlung der deutschen Bevölkerung in geordneter und humaner Weise" erfolgen. Von Humanität kann bei der Vertreibung nicht gesprochen werden, sondern es handelte sich dabei um "organisierte Inhumanität".

Unter Einschluss von 1,3 Millionen Russlanddeutschen waren etwa 18,2 Millionen Deutsche von Vertreibungsmaßnahmen betroffen. Sie kamen in ein durch den Bombenkrieg zerstörtes Deutschland.

Der erste Vertriebenentransport traf am 4. März 1946 in Hessen und zwar in Weilburg an der Lahn ein.

1.200 Sudetendeutsche wurden damals aus den Gerichtsbezirken Plan und Weseritz im Sudetenland mit 50 Kilogramm Gepäck vertrieben. Sammelpunkt war das Schloss in Kuttenplan. Vom dortigen Bahnhof begann die Fahrt in Viehwaggons über Furth im Wald in eine ungewisse Zukunft.

Die Ausstellung mit dem Titel "60 Jahre Vertreibung - Neubeginn in Hessen", die am 3. Februar 2006 um 15.00 Uhr im Stadt- und Bergbaumuseum in Weilburg eröffnet wird, gibt einen Einblick über die Vertreibungsmaßnahmen nach dem Zweiten Weltkrieg und über die Integration der Heimatvertriebenen in Hessen. Es werden Zeitdokumente gezeigt, die Aufschluss über die damaligen Probleme geben. Bevölkerung und Verwaltung wurden damals vor fast unlösbare Probleme gestellt.

In Hessen war durch Kriegseinwirkungen der Wohnraum zu 18,1 Prozent zerstört und zu 2,4 Prozent durch die Besatzung in Anspruch genommen. In einem zu um 20 Prozent verminderten Wohnraum mussten über eine Millionen Menschen, überwiegend zwangsweise, untergebracht werden. Darunter befanden sich 638 041 Heimatvertriebene.

Zum Zusammenleben von Heimatvertriebenen und Einheimischen heißt es ein einem Bericht des Staatsbeauftragten für das Flüchtlingswesen vom 15. Juli 1949:
Eine Repräsentativzählung, die 1947 in 19 hessischen Gemeinden in unmittelbarer Befragung aller ortsansässigen Flüchtlinge durchgeführt wurde, ergab, dass 80 Prozent im guten Einvernehmen mit ihren Quartiergebern lebenů. Wie selbst ausländische Beobachter bestätigen, sind die in der letzten Zeit häufig auftretenden Reibungen zwischen Quartiergebern und Quartiernehmern nicht darauf zurückzuführen, dass der Quartiernehmer in der Regel ein Flüchtling ist. Die Ursache der Misshelligkeiten und des Streites liegt in der allgemeinen Enge der Wohnverhältnisse. Das Bauernhaus ist für Vermietung nicht eingerichtet. Der Bauer ist es nicht gewohnt, eine fremde Familie in seinem Anwesen zu wissen.

In dem Bericht wird dazu weiter ausgeführt:
Im Sommer 1948 besuchten als Gäste der amerikanischen Militärregierung Prof. MacCartney - Oxford und Dr. Issak - London, die amerikanische Zone, um das Flüchtlingsproblem zu untersuchen. In dem Bericht über ihre Untersuchung stellten sie fest:
Dass das Einströmen der Flüchtlinge nicht zu einem absolutem und unentwirrbaren Chaos führte, sondern ordnungsgemäß durchgeführt werden konnte, erscheint als ein Wunder.

In der Ausstellung wird ausdrücklich auf Kommentierungen verzichtet, sondern nur allein auf authentische Dokumente zurückgegriffen. Der Besucher soll sich ein Bild von der damaligen Zeit machen können, ohne dass eine nachträgliche Bewertung der Verhältnisse erfolgt.

Die Ausstellung ist vom 3. bis 10.Februar 2006 zu besichtigen.
Öffnungszeiten sind Montag bis Freitag von 10.00- 12.00 Uhr und von 14.00- 17.00 Uhr.

Adolf Wolf