Das Schicksal der Deutschen aus Russland ist Teil deutscher Geschichte

Unter diesem Motto rief der hessische BdV-Landesvorsitzende Siegbert Ortmann kürzlich zu einer landesweiten, intensiveren Beachtung der Geschichte der Deutschen aus Russland in unserer Gesellschaft auf.

Einen Beitrag dazu leisten das 2. Kapitel aus dem kürzlich erschienen Werk von Mirtes/Fritsche "Flucht, Vertreibung, Ansiedlung, Integration Vertriebene erzählen ihre Schicksale".
Gerolf Fritsche hat der Veröffentlichung zugestimmt.

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Siedlungs- und Verschleppungsgebiete der Deutschen in Russland bis ca. 2000 Erläuterungen zur Karte (MR2)

Bereits im Zarenreich kam es während des 1. Weltkrieges 1915 zu ersten Verschleppungen von Untertanen deutscher Nationalität aus Wolhynien. Auch Angehörige der Elite der Wolgadeutschen (z.B. Lehrer, Pfarrer, Anwälte ...) wurden von Deportationen nach Sibirien erfasst, weil sie sich weigerten, von der deutschen Muttersprache in der Öffentlichkeit abzulassen. Im Falle der Wohyniendeutschen fürchtete die russische Führung illoyale Handlungen Wolhyniendeutscher beim Vormarsch deutscher Truppen; denn das ländliche Siedlungsgebiet lag im frontnahen Bereich. Deren Deportation ist demzufolge als kriegstaktische Handlung zu werten. Die auf diese Weise ihrer Heimat Beraubten durften während der zwanziger Jahre in den Teil Wolhyniens zurückkehren, der nach dem Frieden von Riga 1921 bei Russland verblieb.

Sie hatten sich jedoch kaum wieder eingelebt, da wurde 1939 ein Teil von ihnen bereits wieder von den Umsiedlungsaktionen im Rahmen der deutsch-sowjetischen Abmachungen im Gefolge des Hitler-Stalin-Paktes vom 23.8.1939 betroffen und ins Deutsche Reich umgesiedelt. Die auf diese Weise nicht ins Reich umgesiedelten Wolhyniendeutschen wurden dann ab 1941 nach Sibirien deportiert, womit die Auflösung aller Siedlungsgebiete Deutscher in Russland in der europäischen und transkaukasischen Sowjetunion begann - mit dem Dekret des Obersten Sowjet vom 28. August, das sich zunächst auf die Wolgarepublik bezog. Damit war die Verbannung nach Sibirien und Kasachstan verbunden.

In der Verbannung wurden sie von Mitwohnenden und von der Verwaltung vielfach als "Faschisten" denunziert und diskriminiert. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren sie wegen ihres geradezu sprichwörtlichen Fleißes und ihrer Arbeitsdisziplin durchaus wohl gelitten. Jetzt mussten die Überlebenden im wahrsten Sinne des Wortes um ihr weiteres Leben kämpfen. Das bedeutete schwerste körperliche Arbeit für ganz geringes Entgeld, um das Leben zu sichern und dies in der Regel ohne Väter; denn die meisten russlanddeutschen Männer wurden in die "Trudarmija", die Arbeitsarmee gezwungen, die in der Regel einem Arbeitskonzentrationslager entsprach. Später wurden dann auch russlanddeutschen Frauen, falls sie keine Kleinkinder unter drei Jahren hatten, nachgeholt.

Erst 1956 wurde für die verbannten Russlanddeutschen die "Kommandantur" abgeschafft, d.h. ca. 1.5 Mio. wurde endlich gestattet, ohne regelmäßige Meldepflicht bei der Polizei und ohne Reisebeschränkung zu leben. Eine Rückkehr an die Wolga oder in ihre anderen ursprünglichen Siedlungsgebiete war damit jedoch nicht verbunden. Das ist durchaus nicht selbstverständlich. Anderen verbannten Völkern wie z.B. den Tschetschenen wurde dies mit der Aufhebung der Kommandatur erlaubt. Das zeigt jedenfalls, dass den Russlanddeutschen keine ausreichende Lobby beim Obersten Sowjet zur Verfügung stand.

War die Rückkehr nicht gewährt, so war doch der Ortswechsel im Rahmen der eigenen wirtschaftlichen Möglichkeiten gegeben. Den nutzten insbesondere die in den unwirtlicheren Norden Verbannten, um in südlichere Gegenden abzuwandern, d.h. in Kasachstan nahm die Zahl der Deutschen auch durch Zuzug zu.

Die Karte zeigt einen Ausschnitt des Gebiets der früheren Sowjetunion, auf dem sowohl die Wohngebiete der Deutschen in Russland vor der Deportation (1926 bzw. 1941) erkennbar sind wie auch danach. Die erloschenen Wohngebiete sind der Lage nach und zahlenmäßig erfasst. Die Siedlungsgebiete nach der Deportation entsprechen gebietsmäßig und bezüglich der Zahlen der betroffenen Deutschen in Russland der Situation von etwa 1980. Letztere zeigen durchaus nicht in jedem Falle die Lage der Deportationsgebiete von 1942 bzw. nach dem 2. Weltkrieg. Nicht nur die Zahl der deportierten Deutschen ist danach trotz der geringfügigen aber steten Aussiedlung nach Deutschland angestiegen, sondern auch die Lage ihrer zahlenmäßig wichtigsten Wohngebiete hat sich allmählich nach Süden aus Sibirien nach Mittelasien (Kasachstan) verlagert.

Der Erlass des obersten Sowjet von 1955, der die Russlanddeutschen - wie erwähnt - von der Auflage befreite, ihre Deportationsgebiete nicht zu verlassen, führte zu einer langsamen "Trift" nach Süden, der zwar lebensfeindlich genug war (wüstenhaft), aber klimatisch lebensfreundlicher. Die Säulendiagramme in der Karte zeigen also etwa 1980 eine historische "Augenblicks"-Situation, die sich aber bis etwa 1988 kaum änderte. Etwa zu diesem Zeitpunkt begann eine politische Entwicklung, die jetzt (2012) ausklingt, und voraussichtlich die Siedlung der Deutschen in "Russland" (dem zaristischen) zum Erlöschen bringt.

Dieser Vorgang ist in dem Diagramm deutlich ablesbar, das rechts oben in die Karte eingefügt ist. Es weist nach, dass 1986 die Aussiedlung der Russlanddeutschen fast zum Erliegen gekommen ist. 1988 setzte dann eine abrupt sich steigernde Aussiedlungswelle ein, die 1993-95 sogar die 200.000 überschritt und von da an kontinuierlich abnahm. 2005 erreichte sie die 50.000 nicht mehr. Allein in dem im Diagramm ausgewiesenen Zeitrahmen handelt es sich um 2 Mio. Menschen. Die Dimension dieses Aussiedlungsvorgangs wird Schülern und Studenten leichter erfassbar, wenn die Lehrer begreiflich zu machen verstehen, dass allein in fünf Ländern der 27 EU Staaten weniger Einwohner leben als Russlanddeutsche seit 1986 nach Deutschland gekommen sind. Über 2.5 Mio. kamen insgesamt seit dem 2. Weltkrieg (1945). Das sind schon 200.000 mehr Menschen, als Lettland Einwohner hat, das in der EU 2006 an 20. Stelle stand.

Schließlich sei noch darauf hingewiesen, was nicht auf der Karte zu sehen ist. Im Osten bildet sie Russland nicht einmal bis zum Baikalsee ab. Auch dorthin und noch weiter bis ins Mündungsgebiet des Amur und an die Kolyma am russischen Polarkreis brachte die Verschleppung Russlanddeutsche. Ihre Zahl blieb aber gering.
Hätten wir die gegenwärtige Situation in den Deportationsgebieten versucht abzubilden, wären Bevölkerungszahlen Deutscher auch in Mittelasien und Westsibirien kaum noch erkennbar.

Literatur

  1. Eisfeld, Alfred, Die Russlanddeutschen, München 1992
  2. Literaturkreis der Deutschen in Russland (Hrgb), Kindheit in Russland, Vechta- Langenförden 2005, Geest-Verlag
  3. Polian, Pavel, Against Their Will, Budapest 2004
  4. Wisniewski, Roswitha (Hrsg.), Frierende Hände - erfrorene Hoffnungen. Berichte deutscher Deportierter, Augsburg 2006, Waldemar-Weber-Verlag

Im März 2013