Die deutsche Auswanderung nach Russland
im 18. und 19. Jahrhundert

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Die historische Karte 3 zeigt die deutsche Auswanderung nach Russland, die ihren Schwerpunkt in der ländlichen, regionalen Kolonisation hatte. Sie unterscheidet hauptsächlich vier Auswanderungszüge. Sie bestimmen sich nach der Herkunft im deutschen Siedlungsraum und dem zeitlichen Beginn. Die erste Phase der Auswanderung zahlreicher deutscher Familien ging ab 1763 vor allem von Hessen aus. Die russische Zarin Katharina hatte auch hierher Werber geschickt. Sie sollten junge Hessen, möglichst Familien, bewegen, als Kolonisten nach Russland zu kommen. Das war für die Werber nicht leicht; denn viele Fürsten wollten ihre Untertanen nicht ziehen lassen oder ihre Nachbarn nicht verärgern, indem sie auf ihrem Gebiet die Werbung zuließen. Fürsten, die sie dennoch gestatteten, waren also rar. Einer der wenigen in Hessen war der Fürst von Büdingen. An diesem Ort durften sich damals Ausreisewillige versammeln. Da Verheiratete bevorzugt wurden, entschlossen sich viele, vor der beschwerlichen Reise noch zu heiraten. Diese Spuren haben sich heute in den Kirchenbüchern des Ortes erhalten. Die Kolonisten begaben sich immerhin auf die Reise nach Russland, die länger als 2 Jahre dauern konnte. Die kolonialen Siedlungsschwerpunkte dieser 1. Phase lagen in Russland im Petersburger Gebiet, an der Wolga und in der Ukraine. Das ist auf der Karte deutlich zu erkennen.

Eine zweite Phase ging 1789 von deutschen Siedlern in Westpreußen an der unteren Weichsel aus. Die Verteilung im europäischen Russland erfolgte in diesem Fall über Riga und führte zunächst über Kiew ins Schwarzmeergebiet. Später siedelten Westpreußen auch in Wolhynien (1816) und an der Wolga bei Samara (1854).

Der zahlenmäßig stärkste Siedlungsschub ging ab 1809 vom südwestdeutschen Raum (Elsass/Württemberg) aus. Die Siedlerzüge führten einmal entlang der Donau, zum anderen über Warschau, hatten aber in beiden Fällen die Schwarzmeerregion als Ziel. Eine Kolonistengruppe gelangte damals bis Tiflis jenseits des Kaukasus (Kaukasusdeutsche) und siedelte schließlich in Georgien.

Aus dem mitteldeutsch-schlesischen Raum erfolgte ein weiterer vierter Auswanderungsschub, der die Kolonien in Wolhynien und in Bessarabien stärkte.

Schon der Aufruf der Zarin Katharina I., dem 1763 die Hessen gefolgt waren, führte deutsche Kolonisten auch bis an die Wolga bei Wolgograd. Sie bildeten die Herrenhuter Brüdergemeine Sarepta, die insbesondere im 19. Jahrhundert blühte und für andere Kolonien sogar als Vorbild galt. Als die russischen Beschränkungen ihrer religiösen Freiheiten zum Ende des 19. Jahrhunderts immer spürbarer wurden, ging die Kolonie zurück und war im 1. Weltkrieg schon erloschen.

K3 enthält keinen Hinweis auf die deutschen Handwerker und Kaufleute im Baltikum und städtisches Deutschtum in russischen Städten. Hinweise auf Niederlassungen im Baltikum gibt es bereits im 13. Jahrhundert. Einer der Schwerpunkte war Riga in Lettland. Deutsch-niederländische Vorstädte gab es bereits im Moskau Iwan des Schrecklichen im 16. Jahrhundert. Peter der Große berichtete davon in seiner Jugend im Moskau des ausgehenden 17. Jahrhunderts.

Im von ihm gegründeten Petersburg bildete sich noch zu Lebzeiten Peters eine Gemeinde von 18.000 Bürgern. Fast aus gleicher Zeit gibt es Berichte städtischen Deutschtums in Städten des Schwarzmeergebietes, z.B. Odessa. Mit der Gründung der ländlichen deutschen Kolonien in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts, die oben als 3. Phase beschrieben wurde, erlebte dieses städtische Deutschtum in der Ukraine eine erhebliche Stärkung. Durch die ländlichen deutschen Siedlungen waren sie zur Aufrechterhaltung nicht mehr allein auf den Zuzug aus den deutschen Ländern angewiesen.

Die Blüte der deutschen Kolonien in Russland lag in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie ließ nach, als sich gegen dessen Ende der Nachzug aus den deutschen Ländern verringerte und nationale Strömungen im Zarenreich Privilegien für viele deutsche Siedlungen einschränkten. Die konnten z.B. in der Befreiung von der Wehrpflicht bestehen. Viele, die z.B. dadurch die Freiheit ihres religiösen Bekenntnisses eingeschränkt sahen, verließen Russland und gingen sogar nach Übersee, z.B. nach Süd-, Mittel- und Nordamerika. Ganze Siedlungen lösten sich auf.

Die meisten waren zu Anfang des Jahrhundert noch in ihren ländlichen Siedlungen und den städtischen Quartieren verblieben und hofften ihre Zukunft im zaristischen Russland zu sehen. Das änderte sich erheblich, als es während des ersten Weltkrieges zu ersten gewaltsamen Eingriffen der Staatsmacht kam und z.B. die Wolhyniendeutschen aus ihren Dörfern in der Ukraine nach Sibirien deportiert wurden. Die Organisatoren der russischen Kriegsmacht fürchteten u.a., dass die Deutschen - obwohl schon meist seit Generationen in Russland lebend und als treue Untertane bewährt - sich im Frontbereich auf die Seite des Deutschen Reiches schlagen könnten.

Noch schlimmer wurde die Situation für viele deutsche Siedlungen, als nach dem Ende des 1. Weltkrieges die staatliche Ordnung zusammenbrach und sich die Deutschen in Russland den Wirren der Revolution ausgeliefert sahen. Die Kolonien waren zudem marodierenden Verbänden ausgeliefert, die insbesondere Mennonitensiedlungen heimsuchten. Tausende Zivilisten kamen um.

Literatur (wissenschaftlich)

  1. Eisfeld, Alfred, Die Russlanddeutschen, München 1992, Langen Müller-Verlag, ISBN3-7844- 2382-5
  2. Eisfeld, Alfred/Hellman, Manfred, Hrgb., Tausend Jahre Nachbarschaft - Russland und die Deutschen, München 1988, Bruckmann-Verlag, ISBN 3-7654-2065-4
  3. Haupt, Walter, Hrgb., Die Geschichte der Wolgadeutschen - von der Auswanderung aus Hessen 1776 bis zur Heimkehr 1990, Alsfeld 1990 (zahlreiche dokumentarische Anlagen)

Literatur (romanhaft, u.U. nur in Büchereien vorrätig)

  1. Däs, Nelly, Wölfe und Sonnenblumen, Hamburg 1975, Verlag Friedrich Ötinger
  2. Däs, Nelly, Der Zug in die Freiheit, Hamburg 1976, Verlag Friedrich Ötinger,ISBN3-7891-1806-0
  3. Däs, Nelly, Russlanddeutsche Pioniere im Urwald, Bonn 1993, Osmipress-Verlag, ISBN3-929 873-001
  4. Heiss, Lisa, Das Paradies in der Steppe, Recklinghausen 1981, Georg Bitter-Verlag, ISBN 37903 0283x

Text von Gerolf Fritsche

Im April 2013