Festakt und Kranzniederlegung in Berlin zum Tag der Heimat 2013

Solidarität mit den aktuell weltweit 45 Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen Kulturelles Erbe der Heimatvertriebenen für Identität des deutschen Volkes unverzichtbar

Am vorigen Samstag hielt der "Bund der Vertriebenen" (BdV) seinen zentralen Festakt zum diesjährigen "Tag der Heimat" ab. Die Veranstaltung fand unter dem Motto "Unser Kulturerbe - Reichtum und Auftrag", wie schon seit Jahren im Internationalen Congress Centrum (ICC) Berlin statt. Festredner war diesmal der Historiker Prof. em. Dr. Arnulf Baring. Der Ehrengast Zoltan Balog, ungarischer "Minister für gesellschaftliche Ressourcen", bekam für seine Rede großen Applaus. Das Geistliche Wort und Gedenken sprach zu Beginn Helge Klassohn, Kirchenpräsident i.R., Beauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland EKD für Fragen der Spätaussiedler und der Heimatvertriebenen.

Eine aktuellere Einleitung hätte sich BdV-Präsidentin Erika Steinbach für ihre Ansprache nicht denken können: die gerade stattfindenden Demonstrationen gegen die Unterbringung von Flüchtlingen in Berlin-Hellersdorf. "Unmenschlich" und "abstoßend" seien diese Vorkommnisse. Gerade, weil die deutschen Heimatvertriebenen das Schicksal kennen, die Heimat zu verlieren, setzten sie sich für eine "anständige Behandlung" der Flüchtlinge ein. Erika Steinbach verkündete auch gleich ihre Solidarität mit den "aktuell 45 Millionen" Menschen, die ihre Heimat aufgrund von Krieg, Verfolgung und ethnischen Säuberungen verlassen mussten.

Es freut Frau Steinbach, dass sie von der Eröffnung des Dokumentationszentrums "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" im Juni berichten kann. "Ohne die diversen Anstöße des BdV, würde es die Stiftung heute nicht geben" sagt sie. Mit dem Deutschlandhaus sei ein würdiger Ort gefunden worden. Die Erinnerung an das Schicksal von 14 Millionen deutschen Vertriebenen und vier Millionen Aussiedlern aus den ehemaligen deutschen Ostprovinzen sowie aus Ost- und Mitteleuropa soll ein Zeichen setzen für ein universales Eintreten für Menschenrechte. Es soll nicht nur als nationales Anliegen erscheinen.

Den Staatsregierungen in Bayern und Hessen sagte sie Dank für die Einführung eines offiziellen "Gedenktag zur Erinnerung an die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation", der vom kommenden Jahr an - jeweils am zweiten Sonntag im September - abgehalten wird. Zusätzlich zum UN-Weltflüchtlingstag am 20. Juni jeden Jahres, fordert Frau Steinbach jedoch einen "eigenständigen Gedenktag für die deutschen Vertriebenen, der nicht im Allgemeinen verschwimmt". Ein solcher Gedenktag würde deutlich machen, "dass die größte Massenvertreibung einer Volksgruppe eben keine gerechte Strafe für die nationalsozialistische Terrorherrschaft, sondern, dass diese Vertreibung ein gigantisches Unrecht gewesen ist und schon damals völkerrechtswidrig war".

Das Leitwort "Unser Kulturerbe - Reichtum und Auftrag", sieht Frau Steinbach als Programm für die Zukunft und zitiert aus Goethes Faust: "Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen".

Der ungarische Ehrengast Zoltan Balog erinnert an den kulturellen und wirtschaftlichen Reichtum von bleibender Bedeutung, den Deutsche in Siebenbürgen, Batschka, Banat und den übrigen Regionen Ungarns geschaffen haben. Dieses Erbe gelte es zu erhalten. Der Einsatz von Vertriebenenorganisationen, Regierungen, Kirchen sei hier gefragt. Für das Erinnern und Gedenken gäbe es viele Gründe. Geschichte bleibe lebendig, wenn Lebensgeschichten festgehalten und weitergegeben werden. Wenn Kultur verloren geht, ginge verloren, was für die Gegenwart aber auch für die Zukunft bleibende Bedeutung hat. Kultur sei Lebensweise, sie enthalte auch Lebensweisheiten, die noch heute gebraucht würden. Die Vielfalt der Kulturen der Volksgruppen in Europa müsse erhalten und gepflegt werden, wie auch das friedliche Zusammenleben. Hier ist Zoltan Balog optimistisch: "Wenn die Völker von Politikern in Ruhe gelassen werden, dann lebten sie schon friedlich miteinander" verrät er. Bei den ungarischen Parlamentswahlen im nächsten Jahr werden - neben der deutschen - auch die übrigen 13 in der Verfassung verankerten Minderheiten, sie heißen künftig Nationalitäten, antreten. Abgeordnete deutscher Nationalität würden künftig im Parlament in ihrer deutscher Muttersprache sprechen können.

Der Begriff "Heimat" hat, so Prof. Baring, in der europäischen Gedankenwelt an Gewicht gewonnen, seitdem es häufig nicht mehr "normal" ist, dass ein Mensch an der gleichen Stelle, an der er geboren wurde, sein Leben verbringt und dort auch stirbt. Jeder der zurückkehrt an den Ort, wo er vorher gelebt und die Kindheit verbracht hat, wird mit Trauer feststellen, dass Gebäude und Menschen verschwunden sind. Der Verlust der Heimat ist in einer modernen Industriegesellschaft unvermeidlich. Was die Vertreibung betrifft, spielt der Verlust eine viel stärkere Rolle. Er ist Teil des Schrumpfungsprozesses, der die Deutschen materiell und politisch nach dem 2. Weltkrieg getroffen hat. So zeige die Diskussion um die Zuwanderung, dass die Deutschen ihre eigene Balance, ihre eigene Zukunftssicherheit noch nicht wiedergefunden haben. Die Deutschen müssten, um mit sich selbst ins Reine zu kommen, erst einmal ein positives Bild von sich selbst entwickeln. "Es sei ja wahr", so Prof. Baring, "dass die hitlerschen 12 Jahre ein fürchterliches Dunkel gewesen sind, aber es sei ebenso wahr, dass, wenn man die Geschichte der letzten 1200 Jahre bedenkt, wir zu den Völkern gehören, die die wenigsten Kriege geführt haben, schon gar keine Eroberungskriege. Ist es in Ordnung, dass bei der Nationalhymne nur die 3. Strophe gesungen wird?" fragte Prof. Baring. "Glaubt wirklich jemand, dass der liberale Hoffmann von Fallersleben die hitlersche Expansionspolitik im Auge hatte, als er 1841 ‚Deutschland, Deutschland über alles' schrieb?"

Die musikalische Begleitung der eindrucksvollen Veranstaltung lag abermals bei den "Potsdamer Turmbläsern". Variationen der Volksweise "Ich hab mich ergeben" hatte sich Erika Steinbach persönlich gewünscht. Meisterhaft "geblasen" klangen "La paix" aus der Feuerwerksmusik von Georg Friedrich Händel und schließlich "Turmmusik op. 105b" von Heinrich Kaspar Schmidt.

Im Anschluß an den Festakt fand am Ehrenmal für die deutschen Heimatvertriebenen auf dem Theodor-Heuss-Platz, die feierliche Kranzniederlegung mit Ansprachen des Berliner BdV- Landesvorsitzenden Rüdiger Jakesch, BdV-Präsidentin Erika Steinbach und dem Berliner Innensenator Frank Henkel statt.

Text: Norbert Quaiser; Fotos: Erika Quaiser
Im August 2013