Wo bleibt die Menschlichkeit bei Flucht und Vertreibung?

Der hessische Landesvorsitzende des Bundes der Vertriebenen (BdV) Siegbert Ortmann hat seinen diesjährigen Neujahrsaufruf den Flüchtlingen gewidmet, die aus vielen Teilen der Welt kommend, in den europäischen Ländern um Aufnahme suchen

Es ist längst an der Zeit, dass sich auch der Bund der Vertriebenen in der aktuellen Europäischen Flüchtlingsfrage möglichst einheitlich positioniert. Und das kann ihm aus eigener Erinnerung und Verantwortung nicht schwer fallen. Massive Menschenrechtsverletzungen, politische Unterdrückungen und gezielte ethnische Vertreibungen sind leider heute noch Fluchtursache für Hunderttausende von Menschen in vielen Teilen dieser Welt und die europäischen Länder scheinen immer mehr bestrebt, diese Flüchtlinge aus politischen, sozialen und wirtschaftlichen Interessen von ihren Territorien fernzuhalten.

Dieses bedeutet, dass Millionen von Menschen in Länder zurückkehren müssen, wo sie sofort wieder durch Hass, Krieg und Verfolgung entsetzlichen, unmenschlichen Leiden und Konflikten ausgesetzt sind. Spätestens hier stellt sich schon die Frage, wo im heutigen Europa die Menschlichkeit geblieben ist. Und dabei wurde dieser Europäischen Union im Jahre 2012 der Friedensnobelpreis verliehen, weil aus dem früheren Kontinent des Krieges inzwischen ein Kontinent des Friedens geworden ist.

Vielmehr sollte diese Auszeichnung eine Handlungsaufforderung an Europa und an alle ihre Mitgliedsstaaten sein, eine Politik zu entfalten, die den sozialen Frieden aller Kriegsopfer und Notleidenden der Gegenwart nach innen und nach außen einigermaßen sichern.

Für den BdV könnte die Erfahrung aus Flucht und Vertreibung sowie der Erlebnisse in der neuen Heimat helfen, menschenwürdig, unvoreingenommen und offen auf Flüchtlinge, aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, Somalia oder dem Irak, zuzugehen.

Nach der gültigen Verbandssatzung verfolgt der Bund der Vertriebenen in überparteilicher und überkonfessioneller Mission unter anderem ausdrücklich den Zweck, eine gerechte Völker- und Staatenordnung, in der die Menschenrechte gewahrt werden, zu verwirklichen. Insbesondere Vertreibungen, Völkermord sowie Diskriminierungen sind weltweit zu bannen und dort, wo sie erfolgten, im Rahmen des Möglichen zu heilen.

Somit ist es klar unsere Aufgabe, die deutsche, aber auch europäische Politik permanent aufzufordern, die Grenzen nicht wehrhaft gegen geflohene Menschen abzuschotten und die restriktive Flüchtlingspolitik aufzugeben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir mit diesem Anliegen als Vertriebenenverband bei unseren Mitbürgern auch verstanden werden, denn solange es Krieg, Verfolgung, Intoleranz und Diskriminierung gibt, wird es Flüchtlinge und Heimatvertriebene geben, denen einfach geholfen werden muss.

Siegbert Ortmann; Foto: Erika Quaiser
Im Dezember 2013