Presseinformation

Brückenbauer zwischen Ost und West und Anwalt der Vertriebenen

Clemens Riedel, der 2003 in Bensheim verstarb, wäre am 23. August 100 Jahre alt geworden

In den letzten Jahren war es ruhiger um ihn geworden, den großen deutschen Politiker, den "Brückenbauer" zwischen Ost und West und "Anwalt der Vertriebenen". Clemens Riedel verbrachte die letzten drei Jahre seines Lebens in der Nähe seiner Kinder, Enkel und Urenkel, in Bensheim, wo er 89-jährig am 17. Juni 2003 verstarb. Am Samstag, d. 23. August wäre er 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass werden seine Angehörigen, Vertreter der schlesischen Landsmannschaft, an der Spitze der Bensheimer Ehrenbürgermeister Georg Stolle, an diesem Tag auf dem Bensheimer Waldfriedhof, wo Riedel seine letzte Ruhestätte fand, einen Kranz niederlegen.

Der Bäckermeister als "Brötchenjunge des Kardinals"

Er wurde einmal der "Brötchenjunge des Kardinals im Bundestag" genannt, der wie kaum ein anderer katholischer Laie die Vertriebenenarbeit in der Bundesrepublik Deutschland so entscheidend prägen und beeinflussen konnte. Als Sohn eines Bäckermeisters am 23. August 1914 in Breslau geboren, absolvierte Clemens Riedel nach der Mittleren Reife an der Theodor-Körner-Mittelschule in Breslau ab 1929 eine Bäckerlehre im elterlichen Betrieb. Seine Gesellenjahre verbrachte er in Wien, Liegnitz und Berlin, ehe er 1935 die Meisterprüfung als Bäckermeister bestand.

1938 gründete er eine eigene Bäckerei und Konditorei in Breslau, die er bis zu seiner Vertreibung aus Schlesien im November 1945 unterhielt. Daneben engagierte er sich in der katholischen Kirche, war von 1933 bis 1939 Mitglied der Breslauer Kolpingsfamilie und von 1936 bis 1939 deren Diözesansenior in der Erzdiözese Breslau. Nach seiner Ausweisung siedelte Riedel als Heimatvertriebener in die sowjetische Besatzungszone über und arbeitete vorübergehend als Gewerbelehrer an einer Berufsschule in Dresden. Seit 1946 war er Geschäftsführer einer Großbäckerei in Erfurt, die jedoch 1948 zum volkseigenen Betrieb (VEB) erklärt wurde. Daraufhin verließ er die DDR und siedelte nach Westdeutschland über.

Riedel ließ sich 1949 in Frankfurt am Main nieder und wurde dort Inhaber eines neuerrichteten Bäckerei-, Konditorei- und Cafébetriebes. Er engagierte sich erneut in der Kolpingsfamilie und war von 1951 bis 1956 deren Bezirkssenior in der Diözese Limburg. Darüber hinaus betätigte er sich in zahlreichen Vertriebenenorganisationen. So war er von 1966 bis 1989 Sprecher der Arbeitsgemeinschaft katholischer Vertriebenenorganisationen, von 1969 bis 1973 Präsident der Schlesischen Landesversammlung und von 1976 bis 1989 stellvertretender Vorsitzender des Katholischen Flüchtlingsrates in Deutschland. Von 1959 bis 1985 war er zunächst Vizepräsident, von 1985 bis 1992 dann Präsident des Heimatwerkes Schlesischer Katholiken. Zuletzt wirkte er als Ehrenpräsident des Heimatwerkes.

Mitglied im Bundestag und im Europaparlament

Riedel trat 1945 in die CDU ein und war von 1946 bis 1948 Mitglied des Erfurter Kreisvorstandes der Partei. Er gehörte von 1946 bis 1949 dem Landesvorstand der CDU Thüringen an und war dort Vorsitzender des Landwirtschaftsausschusses. Über die Exil-CDU wechselte er 1952 in den Kreisvorstand der CDU Frankfurt/Main. Von 1954 bis 1970 war er Vorsitzender des Mittelstandsausschusses der CDU Hessen. Riedel gehörte dem Deutschen Bundestags von 1957 bis 1972 an. Er war stets über die Landesliste Hessen ins Parlament eingezogen. Von 1965 bis 1973 war er Mitglied des Europäischen Parlaments.

Im Gespräch mit unserer Zeitung sagte Georg Stolle: "Riedel hatte die Erfahrung des Unrechts persönlich erlebt, und das mehrfach. Der Verlust der Heimat sowie das Erlebnis des Krieges ließen ihn jedoch nicht verbittern, sondern erweckten in ihm die Kraft sich für die Anliegen der heimatvertriebenen Menschen aus tiefster christlicher Überzeugung einzusetzen und sie vor die höchsten Stellen von Politik und Kirche zu tragen, um zu einer gerechten Lösung der ostdeutschen Fragen beizusteuern."

Stuttgarter Charta als Leitmotiv

Als Leitmotiv hätte ihm dabei die Stuttgarter Charta der deutschen Heimatvertriebenen vom 5. August 1950 gedient, deren Ziele er vehement verteidigte. Darin sei der Verzicht auf Rache und Vergeltung gegenüber den Vertreibern feierlich erklärt worden, außerdem das Versprechen auf unermüdlichen Einsatz für ein freies und demokratisches Europa sowie den Wiederaufbau Deutschlands. Gleichzeitig bekundete die Charta das Recht auf Heimat als ein gottgegebenes Grundrecht der Menschheit.

Ein wichtiges Anliegen Clemens Riedels sei die Integration zwischen der einheimischen Bevölkerung und den Heimatvertriebenen sowie der Einsatz für ein demokratisches und christliches Osteuropa gewesen. Der Schwerpunkt seiner Arbeit in seinen zahlreichen Funktionen lag nicht so sehr in öffentlichen Reden und Publikationen, sondern in der meist versöhnenden Auseinandersetzung im innerkatholischen Raum, in der Kontaktpflege und im intensiven Schriftwechsel mit den höchsten Stellen im Vatikan, wo er als engagierter Vertreter des schlesischen Katholizismus wertvolle Grundlagenarbeit leistete und erheblich dazu beigetragen hatte, dass der Ausspruch "Die Erzdiözese Breslau lebt" den Päpsten deutlich sichtbar geworden sei.

Über den Tellerrand hinaus

Bei der kirchlichen Vertriebenenarbeit hatte sich Clemens Riedel aber nicht nur auf katholische Gläubige beschränkt, vielmehr habe er über den konfessionellen Tellerrand hinausgeblickt. Ein besonderes Anliegen sei ihm die Ökumene gewesen. Bereits 1957 habe er sich über das Heimatwerk schlesischer Katholiken mit der Gemeinschaft evangelischer Schlesier getroffen, um die gemeinsame christliche Verantwortung in heimatpolitischen Angelegenheiten zu erörtern.

Clemens Riedel wurde für seine überragenden Verdienste um Aussöhnung und Versöhnung u. a.mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande, mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland, mit dem Silvesterorden des Papstes und der St.-Hedwigs-Medaille des Apostolischen Visitators Breslau ausgezeichnet.

Text: Franz Müller für Bersträßer Anzeiger
Im August 2014