Presseinformation

Der Erste Weltkrieg und seine Folgen

Professor Rudolf Grulich am 12. Oktober 2014
auf einer Vortragsveranstaltung des Bildungswerkes Mainz
der oberhessischen Ackermann-Gemeinde in Linden

Der Referent ging vom Begriff "Weltkrieg" aus, der erst allgemein gebraucht wurde, als es einen Zweiten Weltkrieg gab. Zwar wurden schon früher Kriege außer in Europa auch in Übersee ausgetragen, wie der Sieben-Jährige-Krieg, in dem sich Frankreich und England auch in Nordamerika und Indien bekriegten. Aber der Krieg 1914-1918 habe die Welt total erschüttert. Das neue Buch des Historikers Christopher Clark Die Schlafwandler sei durch die Tatsache, dass es allein in Deutschland 12 Auflagen erlebte und Übersetzungen in viele Sprachen erfuhr, ein Beweis, wie sehr dieser Erste Weltkrieg noch heute die Menschen ergreift. Mit dem Titel will Clark zeigen, dass 1914 noch die Meinung herrschte, es gäbe höchstens einen Dritten Balkankrieg, aber keinen Weltkrieg. Clark ist ein Australier, der in England lehrt. Auch das ferne Australien stellte Truppen im Ersten Weltkrieg, vor allem beim Versuch der Briten, im türkischen Gallipoli an den Dardanellen 1915 den Krieg im Nahen Osten zu gewinnen. Wie Grulich betont, seien besonders im Orient die Folgen des Ersten Weltkriegs noch heute spürbar, denn alle dortigen Krisenherde seien auf die Politik nach dem Ersten Weltkrieg zurückzuführen.

Nach den Aussagen Grulichs haben Romane wie das Buch von Erich Maria Remarque Im Westen nichts Neues und die Westausrichtung Deutschlands nach der Gründung der Bundesrepublik dazu beigetragen, dass auch in diesem Jahr die Feiern zum 100. Jahrestag des Krieges das meiste Interesse in Frankreich und Belgien fanden. Bundespräsident Gauck nahm daran teil, auch in Polen, aber andere Kriegsschauplätze, die den Krieg auslösten, waren nicht im Blickpunkt öffentlicher Feiern, weder in den Staaten des Balkans oder an den Orten der anderen Fronten in Galizien, in Norditalien oder gar im Nahen Osten. Dem Orient widmete der Referent besondere Aufmerksamkeit, weil dort England und Frankreich die Araber zum Krieg gegen die mit Deutschland verbündete Türkei aufstachelten, aber dann als Sieger und Mandatsmächte nach 1918 in Syrien, Palästina und im Irak mit ihrer Politik die Grundlage aller späteren Konflikte um Palästina, Kurdistan und Zypern lieferten, die heute täglich neue Schreckensnachrichten auslösen.

Grulich ging auch auf die Folgen unmittelbar nach 1918 ein, als die Friedensverträge die unterlegenen Staaten demütigten. Was für die Deutschen Versailles war, waren die Verträge von St. Germain, Neuilly, Trianon und Sévres für Österreich, Bulgarien, Ungarn und die Türkei, so dass sich Bulgarien und Ungarn im Zweiten Weltkrieg auf Hitlers Seite stellten, um die Verträge rückgängig zu machen. Trotz der Friedensverträge von 1918 bis 1920 gab es außerdem weitere Kriege im Osten Europas und im Nahen Osten, sodass manche Historiker sogar von einem Dreißigjährigen Krieg in Europa (1914-1945) sprechen.

Es schloss sich eine lebhafte Diskussion an, in der Grulich Rede und Antwort stand und zum Beispiel über die Ukraine, Syrien und den Irak detaillierte Fakten bot. Die Teilnehmer stimmten mit dem Referenten überein, dass der Nationalismus als Grundübel für den Ersten Weltkrieg heute endgültig durch Volksgruppenrecht und Minderheitenschutz überwunden werden müsse. Einstimmig wurde beschlossen, dass Bildungsbeauftragter Anton Schmidt sich im Namen des Katholischen Bildungswerkes an das der Ackermann-Gemeinde nahestehende INTEREG (Internationales Institut für Nationalitätenrecht und Regionalismus) wenden und anregen sollte, damit die dort begonnenen Studien zum Regionalismus und zur Charta der Regionen Europas weitergeführt würden.

Text: Norbert Quaiser; Fotos: Erika Quaiser
Im Oktober 2014