Presseinformation

Das Deutschtum und die Juden im Osten - am Beispiel Mährens

Julia Nagels Vortrag am 11. Oktober 2014 im Institut für Kirchengeschichte für Böhmen-Mähren-Schlesien, Haus Königstein, Geiß-Nidda

Der Vortrag beschäftigt sich allgemein mit der Situation des jüdischen Lebens in den Sudetenländern und dort speziell in Mähren. Nach einem kurzen Einstieg in die Anfänge der jüdischen Besiedlung im March- und Donaugebiet werden einzelne Persönlichkeiten, vor allem aus dem "hannakischen Jerusalem" Prossnitz in Mähren vorgestellt. Prossnitz war einst die zweitgrößte jüdische Gemeinde in Mähren und steht exemplarisch für die große Bedeutung deutsch-jüdischer Gelehrter, Literaten und Musiker aus dem Sudetenland. Erwähnung findet dabei vor allem Leben und Werk des oft in den einschlägigen Lexika unterschlagenen Dramatikers Max Zweig, dessen Vater der letzte Bürgermeister der politisch autonomen jüdischen Gemeinde in Prossnitz war.

Ein weitgehend unbekannter jüdischer Fabrikant war Veith Ehrenstamm, der in Prossnitz, aber auch überregional, Handel mit Schnittwaren betrieb und zum wichtigsten Armeelieferanten des alten Österreichs aufstieg, und aufgrund seiner Zuverlässigkeit sehr geschätzt wurde.

Zu den Söhnen von Prossnitz zählten außerdem der "Vater der hebräischen Bibliographie", Moritz Steinschneider, der in Oxford und München Kataloge hebräischer Handschriften erstellte und besonders für seine genaue Arbeitsweise bekannt war. Zu nennen ist auch Gideon Brecher, Mediziner und Schriftsteller, für den sogar die Doktoratsordnung an der Universität Erlangen umgeschrieben werden musste.

Der wohl in der heutigen Zeit bekannteste Prossnitzer Jude war jedoch der Philosoph Edmund Husserl, der die philosophische Strömung - die Phänomenologie - prägte. Eine Jüdin aus Breslau, Edith Stein, sollte in Leipzig zu seiner herausragendsten Schülerin avancieren. Dabei steht Edith Stein nicht nur für ein weiteres jüdisches Lebensbild im Deutschen Osten - in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts sollte ihr Leben eine bedeutende Wende erfahren. Durch die Lektüre des "Leben der hl. Theresia von Avila" beeindruckt, ließ sich Edith Stein nur wenige Monate später katholisch taufen. Kurze Zeit später trat sie den Karmelitinnen bei und musste ihr Leben schlussendlich als Märtyrerin 1942 im Konzentrationslager in Auschwitz lassen. Somit steht Edith Steins Leben symbolisch auch für die Versöhnung von Juden und Christen, hatte sie doch nicht mit dem Gott Israels gebrochen. Zu Mähren hatte sie auch - neben ihrem Doktorvater Edmund Husserl - eine weitere Verbindung, da sie im 1. Weltkrieg in Mährisch-Weißkirchen im Lazarett tätig war.

Nicht nur Schriftsteller, Geistliche und Mediziner brachte das mährische Judentum hervor: auch weltbekannte Komponisten, wie Ignaz Brüll (Prossnitz), dem das Talent sprichwörtlich in die Wiege gelegt wurde. Noch mehr Aufmerksamkeit aber als für Ignaz Brüll wurde der jüdischen Komponistenfamilie um Leo Fall aus Olmütz zuteil.

Nicht zu vergessen sind dabei auch die Brüder Nehemias und Adolf Brüll (Neu-Raußnitz), beide Religionswissenschaftler und Söhne des Talmudgelehrten und Rabbiners Jakob Brüll. Während Nehemias als gefragter Rabbiner nach Frankfurt am Main berufen wurde, übernahm sein Bruder Adolf über 30 Jahre verschiedentliche Lehrtätigkeiten und wurde später Redakteur des Organs des Mendelssohns-Vereins "Populärwissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judentum für Gebildete aller Confessionen".

Auch in der Politik waren Juden aus Böhmen und Mähren vertreten. In den Jahren 1848/49 vertraten sie ihre Heimatkreise in der Frankfurter Nationalversammlung. Zu nennen sind hier unter anderem Moritz Hartmann und Aaron Jeitteles.
Die Sprache der jüdischen Bevölkerung, gerade in den sudetendeutschen Ländern, wird ebenfalls Thema im Vortrag sein. Die Heilige Sprache im jüdischen Glauben ist Hebräisch, denken wir nur an die Hebräische Bibel, das Alte Testament. Doch war auch - zumindest bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein - das Jiddische die beherrschende Alltagssprache in der jüdischen Diaspora, hauptsächlich in Aschkenas. Das Aschkenas bildete sich hauptsächlich aus den jüdischen Besiedlungsgebieten in Ostmitteleuropa (Polen, Litauen, Böhmen, Mähren, Ungarn und Rumänien). Die Weltsprache Jiddisch ging aus mittelhochdeutschen Dialekten hervor und hat im Laufe der Jahrhunderte verschiedene sprachliche Färbungen erhalten, unter anderem eine traurige Konsequenz aus den vielen Vertreibungen und Verfolgungen der Juden. So finden sich im Jiddischen romanische, slawische, aber auch hebräische Elemente in Form von Lehnwörtern. Es existierte außerdem auch eine Form von Sudetenjiddisch im Sudetenland. Franz Josef Beranek, einst Professor für Jiddistik an der Universität in Gießen, hat in seinem Sprachatlas Westjiddisch (1965) - zum westjiddischen Dialekt gehörten einst die Sudetenländer - festgestellt, dass nur in Böhmen und Mähren Zweitwörter auf "-etzen" vorkamen. Diese Endung wiederum war vor allem charakteristisch für die österreichischen Mundarten und damit auch für die sudetendeutschen Dialekte.

Es ist festzustellen, dass zahlreiche jüdische Persönlichkeiten ihre Wiege in Mähren stehen hatten. Getrieben von tiefem Glauben, rastlos vor Betriebsamkeit oder auch von purem Idealismus und Unternehmertum suchten sie sich immer wieder neue Heimstätten in Europa. Manche blieben aber auch ihrer Heimat bis zum Tode treu. In vielen jüdischen Gemeinden Böhmens und Mährens lebten Juden und Christen, Deutsche und Tschechen lange Zeit friedlich nebeneinander. Längst gibt es nur noch wenige jüdischen Gemeinden in Mähren, hauptsächlich die größeren wie Olmütz und Brünn haben sich nach den grauenhaften Ereignissen der Shoah erhalten. Doch die jüdische Kultur als bedeutender Stein prägte in all ihren Facetten das große Nationalitätenmosaik Österreich-Ungarn und das des Deutschen Ostens. Dies darf nie vergessen werden.

Text: Julia Nagel
Im Oktober
2014