Erster Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung
in Berlin mit hessischen Teilnehmern

Bundespräsident Gauck mahnt:
"Erinnert Euch an die Vertreibung im Zweiten Weltkrieg"

Vor knapp einem Jahr hatte die Bundesregierung beschlossen, den 20. Juni zum nationalen Gedenktag für Vertriebene zu machen - und diesen an den Weltflüchtlingstag der Vereinten Nationen zu koppeln. Der Umgang mit der Erinnerung an die Vertreibung aus ehemaligen deutschen Siedlungsgebieten in Osteuropa hatte lange für emotionale Debatten gesorgt. Der Bund der Vertriebenen forderte jahrelang einen eigenen Gedenktag. Er vertritt die Interessen von 14 Millionen, im Zweiten Weltkrieg vertriebenen Menschen und ihren Nachkommen.

So fand am 20.06.15 vor zahlreichen Gästen aus ganz Deutschland, vor Heimatvertriebenen und Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg sowie vor vielen Flüchtlingen dieser Tage aus vielen Teilen der Welt im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums in Berlin der erste deutsche Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung statt. Unter den geladenen Gästen war auch der Landesvorsitzende des Bundes der Vertriebenen in Hessen, Siegbert Ortmann, der selbst Heimatvertriebener der Erlebnisgeneration aus dem Sudeten-land ist. In seiner Begrüßungsrede ging Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maiziere darauf ein, weshalb dieser Gedenktag erst 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erstmals begangen werde und sah darin ein Zeichen dafür, dass man in Bezug auf die Heimatvertriebenen "erwachsener" geworden sei. Im Übrigen stelle dieses nationale Gedenken einen besonderen Ausdruck der Verbundenheit mit den Heimatvertriebenen dar, die unter den Kriegs-folgelasten besonders hart zu leiden hatten. Der Bundesinnen-minister wünschte sich für die Zukunft: "Machen wir aus diesem Gedenktag eine schöne und würdige Tradition!"

Die Festansprache bei der Gedenkfeier hielt Bundespräsident Dr. h.c. Joachim Gauck. Er spannte einen weiten Bogen von Vertriebenen-schicksalen nach dem Kriege zur aktuellen Flüchtlingssituation in unserem Land. Er erinnerte daran, dass der Umgang mit der Vertreibung aus den ehemaligen Siedlungsgebieten in Osteuropa lange für emotionale Debatten gesorgt und der Bund der Vertrie-benen schon lange einen eigenen Gedenktag gefordert habe.

Der Kummer von Heimatvertriebenen sei auch lange zu wenig beachtet worden und dass Menschen ihre Heimat verloren haben, sei als vermeintlich zwangsläufige Strafe für deutsche Verbrechen akzeptiert worden.

Anfangs habe das Leid der Deutschen die Schuld übertönt, im Bewusstsein der Schuld sei dann jedes Mitgefühl gegenüber den Opfern verloren gegangen. Die Erfahrung aktuellen Unrechts habe aber nun endlich dazu beigetragen, dem weit zurückliegenden Leid und erlittenen Unrecht der Vertriebenen mit neuer Empathie zu begegnen.

Bundespräsident Gauck mahnte auch zu einem Umdenken in heutiger Zeit: "Ich wünschte, die Erinnerung an die geflüchteten und vertriebenen Menschen von damals könnte unser Verständnis für geflüchtete und vertriebene Menschen von heute vertiefen". Deutschland und Europa stünden vor Herausforderungen neuer Dimension und Gauck nannte es schließlich eine moralische Pflicht aller Staaten Europas, Flüchtlinge vor dem Tod im Mittelmeer zu retten und ihnen eine sichere Zukunft zu gewähren. Das sei nicht verhandelbar.

Der Gedenkstunde wohnten auch zwei Frauen unterschiedlicher Generationen bei: die geflüchtete Asma Abubaker Ali aus Somalia und die Autorin Dr. Edith Kiesewetter-Giese, Vertriebene aus dem Sudetenland. Die beiden schilderten in anschaulichen Worten ihre grausamen Erlebnisse bei der erlebten Flucht und Vertreibung. An diesem Gedenktag bekämen Flüchtlinge und Vertriebene in Deutschland ein kleines Stückchen Würde wieder.

BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius sagte bei der Gedenkveran-staltung: "Diesen Gedenktag war Deutschland den eigenen Opfern schuldig." - Er sei auch eine Ansage gegen Kollektivschuld und Rechtfertigungstheorien.

Beim anschließenden Stehempfang im Schlüterhof mit den Teil-nehmern der Veranstaltung kam es auch zu Begegnungen und Gesprächen zwischen dem hessischen BdV-Landesvorsitzenden Siegbert Ortmann, Bundespräsident Dr. Joachim Gauck und der Autorin Dr. Edith Kiesewetter-Giese, die im Jahre 1935 in Neutitschein/Sudetenland geboren wurde.

Text: Siegbert Ortmann u. Helmut Brandl; Fotos: BdV
Im Juni 2015