Mieterin im Schloss der Vorfahren in Schlesien

Wer das Schloss von Muhrau (Morawa) in Niederschlesien tagsüber besucht, wird auch fröhliches Kinderlachen hören. Das Gebäude ist in einem guten Zustand. Dort befinden sich eine Kindertagestätte für über 30 Kinder aus sozial benachteiligter Familien der Umgebung sowie die Bildungsstätte Hedwig. Die Kinder erhalten eine kostenlose Ganztagsbetreuung.

Der Besuch dieser Einrichtung stand auf dem Seminarprogramm des Deutsch-Europäischen Bildungswerks, Wiesbaden (Bildungseinrichtung des Landesverbandes Hessen des Bundes der Vertriebenen). Im Salon des Schlosses empfing die Teilnehmer Melitta Sallai, eine Dame mit großem Charisma.
Bei der Begrüßung erwähnte sie, dass sie hier geboren wurde und mit sechs Geschwistern bis 1945 dort lebte. Sie erzählte bei einem Gespräch ihre Lebensgeschichte. Melitta Sallai ist eine geborene von Wietersheim-Kramsta. 1945 floh sie mit ihrer Mutter und ihren sechs Geschwistern vor der Roten Armee in das Klein-Walsertal. Mit einem ungarischen Diplomaten verheiratet, lebte sie 30 Jahre in Angola.

Melitta Sallai erklärte selbstbewusst, sie sei in ihre Heimat zurückgekehrt ohne jegliche Ansprüche zu erheben. Dabei zitierte sie ihre Mutter, die sie aufforderte: "Geh zurück und mach etwas daraus". Sie berichtete weiter, ihre Familie bemühte sich bereits seit 1991 um die deutsch-polnische Verständigung. Bereits 1991 wurde ein karikativer Verein in der Bundesrepublik Deutschland gegründet. 1992 habe sie sich entschlossen, nach Muhrau zurückzukehren und die polnische Staatsangehörigkeit anzunehmen. Die Einwohner von Muhrau hätten ihr zuerst sehr skeptisch gegenübergestanden. Sie vermuteten, sie wolle ihre Länderein zurückhaben. Jetzt werde sie voll angenommen. Im Schlosspark würden gemeinsame Feste gefeiert.

Die Tagesstätte für Kinder ist im Jahr 1993, nachdem die Renovierung des Schlosses abgeschlossen war, eröffnet worden. Seit diesem Zeitpunkt wird der Kindergarten von de Gemeinde Striegau (Strzegom) finanziell unterstützt.

Im Schloss befindet sich auch eine Bildungsstätte Hedwig. Sie verfügt über 21 Einzel- oder Doppelzimmer mit Dusche und WC, drei Tagungsräume und mit moderner Ausstattung und zwei Essräume mit bekannt guter nationaler Küche. Dort werden zahlreiche Fort- und Weiterbildungskurse angeboten. Zu nennen sind besonders Seminare zu schlesischen Geschichte für Schulklassen aus ganz Polen, Kurse zur deutschen Sprache und Landeskunde für Oberstufenklassen, Fortbildungskurse für polnische Germanistikstundenten zur deutschen Literatur, geleitet von Professoren aus Deutschland, Österreich und Polen, methodisch-didaktische Fortbildungskurse für polnische Deutschlehrer/innen.

Diese Bildungsstätte leitet Andrezej Toborzewski. Wie er ausführte, soll ein gemeinsames deutsch- polnisches Geschichtsbuch entstehen. Die polnische Fassung liegt bereits vor.

Diese Einrichtungen würden gut angenommen, wie Frau Melitta Sallei versicherte.

Im Schloss ihrer Vorfahren fühle sie sich wohl. Sie führte mich durch das Schloss. Im Dachgeschoss bewohnt sie eine Wohnung , für die sie Miete an die Stiftung entrichtet.

Auf meine Frage, ob sie das störe, dass sie in den Räumen den früheren Gesindes wohne, erwiderte sie, ihr komme es darauf an, wieder in der Heimat zu sein. Das Schloss sei zur privaten Nutzung viel zu groß. Sie könne nur immer in einem Zimmer sein.

Eigentümerin des Schlosses ist die Stiftung "Fundacja sw Jadwigi", die 1999 die Schlossanlage mit 12, 3 Hektor Parks erwarb. Das Gut wird vom polnischen Staat verwaltet.

Die 79jährige Adelige strahlt Tatkraft, Zuversicht und Toleranz aus. In ihrer jetzigen Aufgabe fühlt sie sich wohl. Die gesamte Schlossanlage steht unter Denkmalschutz, der Park wurde in die Liste der erhaltunwürdigen Parkanlagen Polens eingetragen.

Zerstört wurden das Rentamt, die Orangerie (1945), das Gärtnerhaus (1950) und die Kapelle (1975).

Adolf Wolf
im Oktober 2007