Integration der Heimatvertriebenen eine Erfolgsgeschichte

Etwa hundert Personen waren nach Hofheim in das Kreishaus gekommen, um an der Eröffnung der Ausstellung "Aufnahme und Eingliederung der Heimatvertriebenen in Hessen und im Main-Taunus Kreis" teilzunehmen. Bei dieser Gelegenheit überreichte Landrat Berthold dem Kreisverband Main-Taunus des Bundes der Vertriebenen eine Ehrenkunde. Damit wurde die Leistung des Verbandes bei der Integration der Heimatvertriebenen in der Nachkriegszeit gewürdigt. In der Ehrenurkunde heißt es unter anderem: "Hervorzuheben ist daher insbesondere die gelungene Integration der Vertriebenen und deren herausragender Beitrag zur erfolgreichen Entwicklung des Main-Taunus Kreises nach Kriegsende". Bei dieser Urkunde handelt es sich um die dritte Urkunde, die Kreistag und Kreisausschuss vergeben haben.

Wie Landrat Berthold Gall hervorhob, steht der Main-Taunus Kreis in wirtschaftlicher Hinsicht an der Spitze der deutschen Landkreise. Das sei aber nicht immer so gewesen. In diesem Zusammenhang zitierte er seinen Vorgänger, Dr. Josef Wagenbach, der bei der Eröffnung der Kreistagssitzung im Jahre 1947 die rhetorische Frage stellte: "Wie soll der Kreis über den Winter kommen". Es herrschte überall Mangel. In das Land sei ein Flüchtlingsstrom gekommen. Allein 18.000 Vertriebene hätten bis 1950 im Main-Taunus Kreis Aufnahme gefunden.

"Die Vertriebenen kamen mit fast leeren Händen an", fuhr Gall fort. Er zitierte aus dem Verwaltungsbericht von 1951, wonach unter anderem 184 Mäntel, 560 Paar Strümpfe und 243 Paar Schuhe aufgeführt sind, die von der Unicef im Kreis verteilt wurden.

Diese verwaltungsmäßig nüchterne Feststellung habe ihn sehr beeindruckt.

Die Befürchtung durch die Vertriebenenfrage könne sozialer Sprengstoff entstehen, bewahrheitete sich nicht. Vielmehr seien die Vertriebenen eine entscheidende Kraft beim Wiederaufbau gewesen. Es entstanden neue Betriebe, die von Vertriebenen gegründet wurden. Der Landrat nannte beispielsweise die Taunuswerke KG in Hattersheim und die Schuhfabrik Persicke in Flörsheim.

Die Integration dürfe sich jedoch nicht allein auf wirtschaftliche Aspekte beschränken. Gall verwies auf die damals zwischen Heimatvertriebenen und Einheimischen geschlossen Ehen.

Der Landrat lobte die Leistungen des Bundes der Vertriebenen bei der Integration.

"Die Geschichte der Vertriebenen ist ein wichtiger Teil der Geschichte unseres Kreises". Die Ausstellung solle das wieder ins Gedächtnis rufen.

Kreisvorsitzender Adolf Wolf dankte dem Landrat für die hohe Ehrung. Besonderer Dank komme auch der einheimischen Bevölkerung für die Aufnahmebereitschaft und für die entgegengebrachte Toleranz zu. Wolf blickte zurück. Deutschland lag in Trümmern. 18,1 Prozent des Wohnraums waren durch Kriegseinwirkungen zerstört, 2,4 Prozent hatte die amerikanische Besatzungsmacht beschlagnahmt.

Nach einer Rede des damaligen Landrats Dr. Josef Wagenbach im Jahre 1947 zählte der Main-Taunus Kreis zu den Brennpunkten des Wohnungsbedarfs. Die Belegung lag bei 2,7 Personen pro Wohnraum (Hessen 1,9). Durch die sehr beengten Wohnverhältnisse blieben Konflikte und Reibereien nicht aus. Wolf berichtete aus Akten aus der damaligen Zeit. Es gab kaum Gewalt. Vielmehr sei es zu verbalen Auseinandersetzungen gekommen.

Der Kreisvorsitzende führte eine Untersuchung zwei amerikanischer Wissenschaftler aus dem Jahr 1948 an. Sie stellten fest, dass achtzig Prozent der Vertriebenen im guten Einvernehmen mit ihren "Quartiergebern" lebten. In dem Bericht heißt es dazu: "Dass das Einströmen der Flüchtlinge nicht zu einem absolutem und unentwirrbaren Chaos führte, sondern ordnungsgemäß durchgeführt werden konnte, erscheint als ein Wunder".

Wolf bemerkte weiter, Integration sei keine Einbahnstraße gewesen. Nur durch gemeinsames Zusammenwirken, Zuversicht und gegenseitige Toleranz hätte diese große Gemeinschaftsleistung "Integration" vollbracht werden können. Einheimische und Vertriebene trugen gemeinsam zum Wirtschaftswunder bei.

Der Kreisvorsitzende verlas auch ein Grußwort der Landesbeauftragten der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler Rudolf Friedrich. Darin wurden die herzlichen Grüße der Hessischen Landesregierung, insbesondere von Ministerpräsident Roland Koch und Sozialministerin Silke Lautenschläger übermittelt. Friedrich hob hervor, dass auch im Main-Taunus Kreis die Heimatvertriebenen einen wertvollen Beitrag zur politischen, kulturellen , wirtschaftlichen und sozialen Aufbau leisteten.

Die Ausstellung umfasst fünfzig Exponate, Dokumente aus der Nachkriegszeit und Bilder von Flucht und Vertreibung . Sie vermitteln ein Bild der damaligen Zeit. Bei vielen Besuchern wurden beim Betrachten der Exponate Erinnerungen wach. Auch war die Zeitzeugin, Anna Jungbauer, anwesend, die am 1.März 1946 mit dem ersten Vertriebenentransport in den Main-Taunus Kreis kam.