Dokumentation des Hessischen Rundfunks diffamiert Sudetendeutsche

Die ARD sendete eine zweiteilige Dokumentation unter dem Titel "Die Sudetendeutschen und Hitler", die vom Hessischen Rundfunk produziert wurde.

Schon dieser Titel lässt eine Provokation erkennen. Wie ein roter Faden zog sich durch die Dokumentation die Behauptung, die Sudetendeutschen seien glühende Anhänger Hitlers gewesen. Das beweisen die eingeblendeten Szenen, die Menschenmengen zeigten, die Hitler zujubelten. Am Schluss des ersten Teils wurde die Meinung eines tschechischen Zeitzeugen unkommentiert stehen gelassen, die Sudetendeutschen seien Landesverräter gewesen. Damit wird suggestiv die Ziellinie der Dokumentation verstärkt. Die Autoren sowie die Verantwortlichen beim Hessischen Rundfunk messen, wenn es um die Sudetendeutschen geht, mit zweierlei Maß. Es passt nicht zusammen, die 100.000 Legionäre, die gegenüber der KK-Monarchie Fahnenflucht begingen, den Heldenstatus zuzuerkennen und die Sudetendeutschen als Landesverräter zu verunglimpfen.

Weiter soll bei Demonstrationen für das Selbstbestimmungsrecht am 4. März 1919 ein sudetendeutscher Demonstrant zuerst geschossen. Darüber gibt es keine Beweise. Querschläger aus einem Maschinengewehr sollen unbeteiligte Demonstranten getroffen haben. Es stellt sich die Frage, was ist von einer Staatsmacht zu halten, die gegen unbewaffnete Demonstranten Maschinengewehre in Stellung brachte und Schießbefehl erteilte.

Die Ursachen, die zum Münchner Abkommen führten, sind völlig unzureichend beleuchtet worden. Es fehlte der Hinweis auf das Memoire III bei der Pariser Friedenskonferenz, wonach Edward Benesch erklärte, das Regime würde ähnlich der Schweiz sein. Diese Zusage hielt Benesch nicht, wie sich aus dem Bericht des britischen Beobachters, Lord Runciman, aus dem Jahre 1938 ergibt. Darin wird ausgeführt, dass die Nichteinhaltung der Zusagen der tschechoslowakischen Regierung, "die deutsche Bevölkerung zu offenen Widerstand treiben musste". Seit ungefähr drei bis vier Jahren habe Hoffnungslosigkeit geherrscht. "Der Aufstieg des nationalsozialistischen Deutschlands erfüllt sie jedoch mit Hoffnung. Dass sie sich an ihre Konnationalen (kinsmen) um Hilfe wandten, und sich daraus der Wunsch ergab, mit dem Reich vereint zu werden, sehe ich unter den gegebenen Umständen als natürlich an", so die neutrale Meinung des englischen Beobachters.

Auch hätte unbedingt der Vorsitzende der sudetendeutschen Sozialdemokraten, Wenzel Jaksch, erwähnt werden müssen. Jaksch musste vor den Nationalsozialisten nach England fliehen, wo er versuchte, Benesch von seinen Vertreibungsplänen abzubringen. Auch ist das Schicksal der sudetendeutschen Juden wegelassen worden. Nach einem Bericht an die Delegierten der jüdischen Religionsgemeinschaften in Böhmen und Mähren vom Oktober 1947 mussten die deutschen Juden die Abzeichen für Deutsche tragen und erhielten jetzt die für Deutsche bestimmten Lebensmittelrationen der NS- Zeit . Eine Reihe von ihnen wurde in Internierungslager für Deutsche gebracht.

Der Prager Aufstand ist verharmlost worden. Man konnte den Eindruck gewinnen, es habe sich nur um einzelne Zwischenfälle gehandelt, die von der SS verschuldet wurden. Es hätte das gesamte Ausmaß der Übergriffe und Morde gebracht werden müssen. Weiter fehlten der Brünner Todesmarsch, der Komotauer Todesmarsch sowie die Massaker in der Umgebung von Saaz.

Es hätte auch der Stand der Verständigung zwischen Sudetendeutschen und Tschechen eingegangen werden müssen. Die Verständigung ist schon weit fortgeschritten. So stellen die Studenten der germanistischen Fakultät der Stadt Brünn /Brno jedes Jahr den Todesmarsch nach. Auch in Komotau/ Chomutov gedenken die Schüler des dortigen Gymnasiums bei einem Marsch an die sächsische Grenze der Opfer.

Es muss sehr bemängelt werden, dass tschechische Historiker, die sich mit dieser Materie intensiv befassten, nicht zu Wort kamen. Die einzelnen Zeitzeugen äußerten ihre subjektive Meinung, was zu keinem objektiven Bild führte. Es hätten weiter noch lebende Anhänger Konrad Henleins gehört werden müssen. So wäre ein abgerundetes Bild entstanden und die Zuschauer hätten sich selbst eine Meinung bilden können.

Wichtig wäre auch gewesen, wie heute die Sudetendeutschen zu ihrer Heimat stehen. Viele Sudetendeutsche, die in ihre Heimat fahren, sind Brückenbauer.

Kritik muss daran geübt werden, dass die Produktion der Dokumentation "geheim" gehalten wurde. Der Autor dieses Beitrags erfuhr erst durch den tschechischen Zeitzeugen, Josef Skrabek, von dem Film. Warum wurde kein Interview mit Repräsentanten der Sudetendeutschen Landsmannschaft geführt?

Es wäre auch interessant zu erfahren, ob die Vorgaben zu dieser Dokumentation von der Abteilung "Zeitgeschichte" des Hessischen Rundfunks ausgingen. Erfolgte eine Änderung durch die Redaktion bei der Schlussabnahme des Films?

Mit der Dokumentation hat sich der HR in Bezug auf die Einschaltquoten einen Bärendienst erwiesen. Bei den Einschaltquoten steht der Hessische Rundfunk mit an letzter Stelle.

Die Dokumentation löste bundesweit einen Sturm der Entrüstung aus. Nichtvertriebenen, die von den dauernden Hinweisen auf Hitler genug hatten, schalteten ab, wie berichtet wurde. Ein Zuschauer bemerkte: "Das Nazi-Filmmaterial aus Goebbels Propagandaküche erschlägt mit immer denselben NS-Größen jede Nuance der Zeitzeugenschaft. Die Fratze des deutschen Diktators erzeugt inzwischen Brechreiz wegen Übersättigung". Ein Vertriebener aus den neuen Bundesländern fühlte sich an die "Umerziehungfilme" der DDR erinnert.

Der Eindruck, dass die öffentliche Meinung durch Weglassen von geschichtlichen Tatsachen in eine bestimmte Richtung, gegen die Sudetendeutschen gelenkt werden soll, ist nicht von der Hand zu weisen. Mit den Filmen von Harald Henn hat der Hessischen Rundfunk mit zur Aufarbeitung der damaligen Geschehnisse beigetragen. Die jetzige Dokumentation bewirkt das Gegenteil.

Nach einer Gesamtbewertung haben sich die Autoren sowie die Verantwortlichen für diese Dokumentation, auch nach der Meinung zahlreicher Zuschauer, nicht an den gesellschaftspolitischen Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gehalten.

Der Intendant und der Chefredakteur sollten einmal ein Machtwort sprechen.

Der Hessische Rundfunk leistete sich schon einmal einen Rundumschlag gegen den Bund der Vertriebenen. In der Sendung "Das starke Stück der Woche" nannte der Autor des Beitrags den Bund der Vertriebenen als Sekte. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main bewertete diesen Sachverhalt als Beleidigung, stellte aber das Verfahren ein, da sie kann öffentliches Interesse an einer Strafverfolgung sah. Offensichtlich gibt es beim Hessischen Rundfunk noch Kräfte, die es nicht lassen können, die Heimatvertriebenen bzw. die Sudetendeutschen in ein schlechtes Licht zu rücken.

Adolf Wolf
im Oktober 2008