Vertreibungen in Mitteleuropa 1945 - 50

Erläuterungen zur Karte

Deutsche Vertriebene zwischen 1945 und 1950 sowie Vertriebene und Umsiedler in Polen und Ostpolen

Diese Karte zeigt die Vertreibung der Deutschen aus den Hauptvertreibungsgebieten nach Vierzonendeutschland (diesseits von Oder und Neiße und ohne Stettin) und nach Österreich, sowie die Vertreibung und Umsiedlung von Polen, Ukrainern und Weißrussen aus Ostpolen bzw. nach Ostpolen. Außerdem ist vom Territorium der Sowjetunion her die Zusiedlung sowjetischer Bevölkerung ins ehemalige Ostpreußen und Ostpolen angedeutet.

Die Hauptvertreibungsgebiete der Deutschen liegen einmal in den deutschen Ostgebieten (Deutsches Reich in den Grenzen von 1937 jenseits von Oder und Neiße) und zum anderen in den Territorien der östlichen Nachbarländer (Volksdeutsche). Aus der Karte erschließt sich ein genauer Zahlenüberblick. Die Pfeile zeigen die Flucht und Vertreibungsrichtung an. Sie zielen jeweils auf die Sowjet- und die Westzonen und deuten so an, dass mit dieser Vertreibung auch ein bestimmtes Schicksal vorgegeben war.

Am Pfeilursprung der entsprechenden deutschen Provinz bzw. des Vertreibungslandes ist jeweils die Zahl der Vertriebenen angegeben, die in den Aufnahmegebieten in Vierzonendeutschland und Österreich angekommen sind. Die bei der Vertreibung zu Tode gekommenen sind darin also nicht enthalten. Auch die mittlere blaue Zahl (im weißen Feld) im Datenblock jedes Vertreibungsgebietes stellt nicht die Zahl der Vertreibungstoten dar, sondern beinhaltet die Gesamtzahl der Kriegs- und Nachkriegstoten des jeweiligen Gebiets, in der allerdings die Vertreibungstoten enthalten sind. Im gleichen Block zeigt die obere weiße Zahl (im blauen Feld) den Bevölkerungsstand der letzten Vorkriegserhebung (1939), die untere schwarze die Zahl der Deutschen 1950, die bei der Vertreibung 1945/46 zurückgehalten worden waren.

Als deutsche Vertriebene werden auf dieser Karte sowohl jene bezeichnet, die noch vor Kriegsende (8.5.45) flüchteten und danach nicht zurückkehren durften als auch solche, die nach dem Krieg vertrieben wurden. Der Begriff "Vertreibung" definiert sich also als Vorgang, bei dem die mittellosen oder fast mittellosen Betroffenen der Gewalt der Vertreiber ausgeliefert waren, von diesen gezwungen wurden, Besitz und Heimat zu verlassen und von ihnen in die Hoheit und Verantwortung der Alliierten Vierzonendeutschlands und Österreichs entlassen wurden, die durch die Hinnahme die Vertreibung bestätigen und dadurch Mitverantwortung tragen. Mit dem Kontrollratsgesetz vom 20. November 1945 haben die vier Hauptalliierten sogar an der Vertreibung mitgewirkt, indem sie einen Schlüssel über die zahlenmäßige Aufteilung der vertriebenen Deutschen aus den Ostprovinzen, dem Sudetenland und Ungarn auf die einzelnen Besatzungszonen festlegte.

Nach dem Bundesvertriebenengesetz von 1952 sind von den Vertriebenen die Flüchtlinge zu unterscheiden. Das sind die Deutschen, welche die Sowjetzone nach 1945 in Richtung Westzonen (ab 1949 in Richtung Bundesrepublik) verlassen haben. Bis 1950 waren es 1,8 Mio. Dieser Vorgang ist auf der Karte nicht dargestellt.

Auf der Karte erscheinen in den vier Zonen Restdeutschlands lediglich die Grenzen der vier Besatzungszonen, nicht die der in dieser Zeit von den Alliierten gebildeten Länder. In den betreffenden Regionen der Länder zeigt jedoch ein Kreisdiagramm für jedes Land Vierzonendeutschlands (außer dem Saarland, das bereits Anfang 1946 von der französischen Regierung eigenmächtig aus ihrer Besatzungszone herausgelöst worden war und damit aus Vierzonendeutschland) den Anteil der Vertriebenen. Das Land Baden-Württemberg war zu dieser Zeit noch nicht geschaffen. Seine Gebiete waren zudem auf die französische und amerikanische Zone verteilt. Um die Vergleichbarkeit mit den anderen Ländern herzustellen, ist hier die Prozentzahl ausgewiesen, die sich zusammen für die drei Regionen ergab, aus denen sich später das Land Baden-Württemberg konstituierte.

Nicht berücksichtigt ist die Deportation, Flucht und "Repatriierung" der Russlanddeutschen. Die Herkunftsgebiete wären von einer Ausnahme abgesehen auf der Mitteleuropakarte nicht hinreichend darstellbar gewesen.

Aus der Tschechoslowakei wurden Deutsche sowohl aus den ehemaligen Kronländern Böhmen, Mähren und Schlesien als auch aus der Slowakei (ehemals Oberungarn) vertrieben. Diese aus den Siedlungsinseln der Slowakei kommenden (z.B. Hauerland, Zips) werden als Karpatendeutsche bezeichnet. Sie stellen zahlenmäßig eine kleinere Gruppe dar, hatten aber u.a. durch die Zuordnung ihres Siedlungsraumes zu Ungarn über die Jahrhunderte ein eigenes Selbstverständnis entwickelt. Sie sind demzufolge in der Karte von den Sudetendeutschen unterschieden. Für ihre Vertreibung sind allerdings die gleichen Benešdekrete maßgebend, wie für die Sudetendeutschen.

Während der Vertreibung der Deutschen erfolgten in Polen Umsiedlungen, die damit in unmittelbarem Zusammenhang standen. Die zahlenmäßig bedeutendsten sind hier dargestellt. Es handelt sich um die der Polen, der Ukrainer und Weißrussen. Das am 21.7.1944 in Moskau gebildete "Polnische Komitee für die Nationale Befreiung" unterzeichnete am 6.9.1944 mit der Ukrainischen und Weißrussischen SSR und am 21.9. 1944 mit der Litauischen SSR Abkommen über die wechselseitige Umsiedlung der Bevölkerung. Danach durften die Umsiedler ihre bewegliche Habe mitführen. Die Umsiedlung erfolgte in der Regel per Bahntransport. Falls sie in die deutschen Ostgebiete führte, bezogen sie die Anwesen der Deutschen, die 1945/46 vielfach dort noch wohnten und von den Polen zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden. Besonders in Fällen, in denen die Umsiedlung der Polen von sowjetischem Militär, die der Weißrussen und Ukrainer von polnischem Militär bzw. Milizen überwacht wurde, kam es zu Zwangsmaßnahmen, in denen die Umsiedlung den Charakter einer Vertreibung annahm. In ähnlicher Weise erfolgte die Umsiedlung der Weißrussen und Ukrainer aus Innerpolen in das ehemalige Ostpolen, das seit dem Vormarsch der Roten Armee im Herbst 1944 der UdSSR wiederangegliedert war. Am 6.7.1945 unterzeichnete die polnische Regierung ein Abkommen mit der UdSSR. Es bestätigte die obigen Verträge mit den genannten Sowjetrepubliken und enthielt Regelungen zur polnischen Staatsangehörigkeit.

Weit größer noch als die Zahl der zusiedelnden Ukrainer und Weißrussen im ehemaligen Ostpolen ist die der Zusiedler aus der UdSSR, die seit 1945 in die neuen sowjetischen Westgebiete strömten. Auch dieser Vorgang ist in der Karte dargestellt. Um hierdurch keinen falschen Eindruck zu erwecken, sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass in jener Zeit auch durchaus eine bemerkenswerte Bevölkerungsbewegung von Zivilisten aus Ostpolen in Richtung Osten ging. Kollaborateure, die überlebt hatten und vor allem die Ukrainer und Weißrussen, die der neuen kommunistischen Herrschaft als feindselig galten, wurden nach Sibirien und Zentralasien zwangsverschleppt (ca. 750td., Hlgm).

Noch am 6.5.1949 kam es zwischen Polen und der Tschechoslowakei zu einer Absprache, nach der Personen polnischer Nationalität aus der Ostslowakei nach Polen umgesiedelt wurden. Dieser Vorgang ist in der Karte nicht festgehalten.

Erfasst aber nicht gesondert ausgewiesen durch die Darstellung der Umsiedlung und Vertreibung der Polen (grüne Pfeile) nach Westen sind jene durch die Sowjets bereits 1940/41 nach Sibirien verschleppten Polen (ca. 400td. nach PP, nach polnischen Quellen bis 1,5 Mio.), deren Leidensweg schon 1940 begonnen hatte, also vor die Zeit zurückgreift, die in der Karte erfasst ist, aber erst in diesen Nachkriegsjahren zum Abschluss kam. Er gleicht über weite Strecken dem Vorgang einer Vertreibung. In vier großangelegten Deportationsaktionen ab 1940 bis ins Frühjahr 1941 verschleppten die Sowjets Polen aus Ostpolen hauptsächlich in Lager ans Eismeer, nach Sibirien und in die Republiken Mittelasiens zur Zwangsarbeit. Viele kamen dabei um. Als diese polnischen Deportierten nach dem Angriff des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion ab Juni 1941 von den Sowjets als Verbündete gegen das Deutsche Reich angesehen wurden, durften sich Wehrfähige der Andersarmee anschließen. Sie kämpften z.B. in Italien an der Seite der Amerikaner. Andere bildeten Sondereinheiten in der Sowjetarmee. Sie hatten besonders hohe Verluste. Einige der Überlebenden - auch der nicht Wehrfähigen natürlich - wurden nach dem Krieg in den deutschen Ostgebieten und in Innerpolen angesiedelt, sind also in den Zahlen der Karte enthalten. Einige gingen auch nach Übersee.

Außerdem wurde bereits die Zusiedlung von Sowjetbürgern in das wieder von der Sowjetunion übernommene sogenannte Ostpolen erwähnt, mit der die Umsiedlung der Ukrainer und Weißrussen aus Innerpolen nach Ostpolen einhergeht. Nicht ersichtlich aus der Karte ist die Nachhaltigkeit, mit der die Vertreibung einerseits und die Umsiedlung andererseits betrieben wurde. Während die Vertreibung der Deutschen, abgesehen von Rumänien und Schlesien, nur Reste der Deutschen in den Vertreibungsgebieten beließ, die jetzt nach fünf Jahrzehnten weitgehend in der Mehrheitsbevölkerung aufgegangen sind, betraf die Umsiedlung der Polen nur Teile der Bevölkerung. Mindestens die Hälfte der Polen verblieb in Ostpolen, einem Gebiet, in dem die Polen auch während der Zugehörigkeit zum Polen der Zwischenkriegszeit immer in der Minderheit gewesen waren. Auch Ukrainer und Weißrussen blieben noch nach der Umsiedlung der in der Karte ausgewiesenen 518.000 in Innerpolen zurück, waren aber in den späten 1940er Jahren noch Zwangsumsiedlungen in Innerpolen (z.B. nach Masuren) ausgesetzt.

In den Vertreibungsgebieten sind die Ortsnamen zweisprachig aufgeführt. Neben der im Deutschen geläufigen Bezeichnung, ist die von der ortsansässigen Bevölkerung heute dort mehrheitlich verwendete in Klammern angegeben. Dies vermerken wir deshalb, weil für viele Städte in den Ländern jenseits der Grenzen von 1937 Ortsnamen auch in anderen Sprachen vorliegen, die sogar in deutschen Atlanten bei zweisprachigem Verfahren verwendet werden. Es handelt sich dann meistens um polnische oder russische Varianten.

Die Karte ist die erste einer Reihe von fünf neu entwickelten Karten zum Thema Vertreibung, bei deren Einrichtung didaktische Überlegungen berücksichtigt wurden. Einer der Leitgedanken ist dabei, diesen Sachverhalt von Flucht und Vertreibung im Mitteleuropa der vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts zwar umfassend aber doch noch überschaubar darzustellen. Dazu haben wir farbige und graphische Möglichkeiten genutzt. Ideal ist die Nutzung der Karte als Farbvorlage, sie sollte aber auch mit etwas mehr Mühe als Schwarz-Weiß-Vorlage verwendbar sein. Für Rückmeldungen und Hinweise von Seiten der Nutzer sind wir dankbar.

An dieser Stelle weisen wir ausdrücklich daraufhin, dass die hier dargestellten Migrationsströme, so groß sie auch sein mögen, nur einen zwar großen aber eben nur einen Ausschnitt dessen darstellen, was zu jener Zeit in Mitteleuropa ablief. Als sich die Vertreibung der Deutschen 1945 in der hier dargestellten Form zu entwickeln begann, standen tausende von KZ-Insassen an Lagertoren und Millionen von Zwangs- und Fremdarbeitern strömten heimwärts oder wurden in UNRRA-Lagern gesammelt. Millionen Kriegsgefangener wurden in Lager gesperrt, bzw. von den Alliierten in verschiedene Länder zur Zwangsarbeit deportiert, vor allem in die Sowjetunion. Dorthin verschleppten die Sowjets auch güterzugweise hunderttausende Zivilisten, vor allem junge Frauen, die erst nach Jahren oder gar nicht zurückkehrten. Zu dieser Zeit sammelten die sowjetischen Rückführungskommandos außerdem zehntausende Deutsche aus Russland ein, die es in vielen Fällen auf der Flucht bis in die Westzonen des Deutschen Reiches geschafft hatten und verschleppten sie zurück in die Sowjetunion. Viele der Elendszüge, die auf der Karte mit den Pfeilen vor allem nach Westen weisen, gingen also zu jener Zeit auch in den Osten bis hinter den Ural. Die vorstehenden Sätze sind nur ein unvollständiger Hinweis auf diese Vorgänge. Wenigstens der sollte aber im Zusammenhang mit der Karte nicht unterbleiben. Nur wer den Ausschnittcharakter dessen erfasst, was auf der Karte dargestellt ist, bekommt eine Ahnung von der Wirklichkeit des Geschehens dieser Zeit - auch eine Ahnung, zu welchem Leid Krieg führen kann.

Statistische Zusatzinformationen:

  1. In die Westzonen kamen bis 1950 7,945 Mio. Vertriebene, auf das Gebiet der Sowjetzone 4,070 Mio. und nach Österreich 475.000. Deutsche Vertriebene (die Vierzonenendeutschland und Österreich erreicht haben ohne die ...Russlanddt.) insgesamt 12.490.000
  2. Die deutschen Vertreibungstoten der einzelnen Gebiete werden bei Reichling folgendermaßen angegeben: Ostpreußen 279td., Ostpommern 337td., Ostbrandenburger 173td., Schlesier 447td., Baltendeutsche und Deutsche aus dem Memelgebiet 60td., Danziger 89td., Deutsche aus Innerpolen 185td., Sudeten- und Karpatendeutsche 266td., Ungarndeutsche 57td., Rumäniendeutsche 101td., Jugoslawiendeutsche 135td. Vertreibungstote insgesamt (ohne Russlanddt.): 2.122 Mio

Literatur

  1. Douglas, Ray M., Ordnungsgemäße Überführung - Die Vertreibung der Deutschen nach dem 2. Weltkrieg, München 2012
  2. Hilgemann (Hlgm), Werner, Atlas zur deutschen Zeitgeschichte 1918-1968, München-Zürich 1986
  3. Polian, Pavel (PP), Against their will, Budapest 2004
  4. Putzger, Historischer Weltatlas, Berlin 1996
  5. Reichling, Gerhard, Die deutschen Vertriebenen in Zahlen, Bonn 1989
  6. Sommer, Wilhelm, u.a., Flucht und Vertreibung, Geschichte Lernen Heft 105, 2005, Friedrich-Verlag Velber, (+ Audio-CD "Flucht und Vertreibung")
  7. Statistisches Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland, Stuttgart/Wiesbaden 1960

weitere Literatur:

  1. Ich bin doch Egerländer! - 3 Zeitzeugen berichten wie sie aus der Vertreibung das Beste gemacht haben, Hans Mirtes/Gerolf Fritsche (Hrsg.), Frontenhausen 2007, AGSLE-Verlag, 171 Sn., 15,- €, ISBN 3-9808506-7-6
  2. 65 Jahre - Zivildeportation und wilde Vertreibung der Deutschen aus der CSR 1945, 8 Zeitzeugen berichten, Hans Mirtes/Gerolf Fritsche (Hrsg.), Frontenhausen 2011, 178 Sn., 15,-€, AGSLE-Verlag, ISBN 978-3-9812414-6-4, beispielhaft hergerichtete Zeitzeugenberichte
  3. Flucht, Vertreibung, 3. Ansiedlung, Integration - Vertriebene erzählen ihre Schicksale, 12 Zeitzeugen berichten, Hans Mirtes/Gerolf Fritsche (Hrgb.), AGSLE-Verlag Frontenhausen 2012, 347 Sn., 17,-- €, ISBN 978-3-9815033-2-6, zu beziehen im Buchhandel
  4. 1938 - Mutig im Schatten des Jubels - der Weg der sudetendeutschen Sozialdemokraten in die Emigration, Fritsche/Mirtes/Püschel (Hrgb.), AGSLE-Verlag Frontenhausen, 2013, 195 Sn., 15,-- €, ISBN 978-3-9815033-6-4, zu beziehen im Buchhandel oder: Heimatkreis Mies-Pilsen e.V., Postfach 127, 91542 Dinkelsbühl, 09851-53003

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