Kleine Geschichte des BdV

Die Organisation der Vertriebenen in Hessen

Der Zusammenschluss der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge in Hessen war erst im Jahr1948 möglich, weil die amerikanische Besatzungsmacht diese Organisation nicht erlaubte. Es entstanden deshalb zunächst in den Orten und Kreisen Interessenvertretungen der Heimatvertriebenen, die sich vornehmlich mit der Eingliederung der tausenden von Heimatvertriebenen und Flüchtlingen befassten; insbesondere bei der Wohnraum- bzw. Arbeitsplatzbeschaffung und der Gründung von heimatvertriebenen Handwerks- und Industriebetrieben und bei der Ansiedlung der entwurzelten heimatvertriebenen Bauern durch Neben- und Vollerwerbsbetriebe. Durch die reibungslose Zusammenarbeit in diesen Fragen mit der Besatzungsmacht wurde die Erlaubnis erreicht, sich auf Landesebene zusammenschließen zu können.

Der Hessische Landtag beschloss im Jahr 1950 den Landesverband der heimatvertriebenen Deutschen als alleinige offizielle Organisation der Heimatvertriebenen in Hessen anzuerkennen. Neben diesem Landesverband gab es auch die Landsmannschaften, die sich auf Landesebene zusammenschlossen und den Verband der vereinigten Landsmannschaften in Hessen gründeten. Ihr erster Vorsitzender war Rudolf Wollner.
Während der Landesverband der heimatvertriebenen Deutschen sich in erster Linie mit Eingliederungs- und sozialen Fragen beschäftigte, beschäftigte sich der Landesverband der vereinigten Landsmannschaften mit der Frage des Heimatrechts und der Heimatpolitik.
Nachdem sich diese Zielsetzungen im Laufe der Zeit mehr und mehr vermischten, haben die beiden Verbände beschlossen, als gemeinsamer Verband in Hessen aufzutreten.

Aus diesem Grunde versammelten sich 1953 in der Philipps-Universität in Marburg in der Aula die beiden Organisationen und beschlossen dort feierlich, als ein Verband in Hessen aufzutreten.
Die sogenannten Marburger Beschlüsse wurden dann Gegenstand der Vereinigung dieser Verbände. Es gab von da an nur eine Mitgliedschaft, derjenige der Mitglied seiner Landsmannschaft war, war automatisch Mitglied des Landesverbandes der vertriebenen Deutschen und umgekehrt, die Mitglieder des Zentralverbandes der vertriebenen Deutschen waren automatisch Mitglied ihrer Landsmannschaft. Das war wohl einer der wesentlichen Marburger Beschlüsse.

Die Marburger Beschlüsse
Die Gründung des Gesamtverbandes in Marburg 1953

Im Dezember 1948 gegründet, hatte der damalige Landesverband der Heimatvertriebenen bis zum Ende des Jahres 1952 sich auf allen Ebenen gefestigt. 45 Kreisverbände mit über 2.500 Ortsverbänden waren entstanden.

Der Landesverband der Heimatvertriebenen war inzwischen zur stärksten Mitgliederorganisation im Lande geworden. Es gab viel zu tun.
Neben dem in der Öffentlichkeit und von den staatlichen Stellen längst anerkannten Landesverband der Heimatvertriebenen waren inzwischen auch landsmannschaftliche Organisationen entstanden. In den Städten und größeren Gemeinden fand man sich nach Herkunftsgebieten zusammen und begründete nach und nach landsmannschaftliche Landesorganisationen. Bis 1953 waren für alle Heimatgebiete der Vertriebenen Landsmannschaften entstanden.
Während der Landesverband der Heimatvertriebenen sich im wesentlichen der Bewältigung der sozialen Not und der Eingliederung in das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben annahm, ging es in den Landsmannschaften um die Erhaltung und Stärkung des Heimatbewußtseins sowie um die Bewahrung des heimatlichen Kulturerbes.
Das Werk gelang. nachdem ein Organisationsausschuss unter der Leitung von Frank Seiboth fast eine ganzes Jahr lang die Voraussetzungen für den Zusammenschluss erarbeitete und vermeintliche Hindernisse überwunden hatte, konnte am 10. Juni 1953 in Marburg in der Aula der Philipps-Universität der Gesamtverband der Heimatvertriebenen proklamiert werden. Er gab sich den Namen "Bund der vertriebenen Deutschen - Vereinigte Landesgruppen der Landsmannschaften und Kreisverbände".
Diese so wichtige Entscheidung ist als die "Marburger Beschlüsse" in die Verbandsgeschichte eingegangen. Ihren Niederschlag fanden sie in der Satzung, die am Tag zuvor bei einer gemeinsamen Konferenz beschlossen worden war. Die wichtigsten Merkmale künftiger Organisationsgrundlagen waren:

1. Die Doppelmitgliedschaft:
Wer Mitglied des Bund der vertriebenen Deutschen ist, ist zugleich Mitglied seiner Landsmannschaft und wer Mitglied seiner Landsmannschaft ist, ist zugleich Mitglied des Bundes der vertriebenen Deutschen.

2. Es gibt nur einen einheitlichen Mitgliedsbeitrag.
Diese Kriterien haben bis heute ihre Gültigkeit behalten.

3. Die paritätische Besetzung der Führungsgremien (der Landesverbandstag, der Landesvorstand und der Landesverbandsrat)

In der damals beschlossenen Satzung heißt es dazu:

1 Name und Sitz
Der Landesverband führt den Namen "Bund der vertriebenen Deutschen - Vereinigte Landesgruppen der Landsmannschaften und Kreisverbände - Landesverband Hessen e.V. kurz "BvD - Landesverband Hessen e.V.". Der Name wurde später geändert in: "Bund der Vertriebenen (BdV) - Vereinigte Landesgruppen der Landsmannschaften und Kreisverbände - Landesverband Hessen e.V.".

Der 4 umschreibt, wer Mitglied des Landesverbandes ist. In den Absätzen 1 und 2 heißt es: Ordentliche Mitglieder sind die Landesgruppen der Bundeslandsmannschaften und die Kreisverbände des Bundes der vertriebenen Deutschen in Hessen.
Die Landsmannschaften sind die Vertreter ihrer Heimatgebiete und deren deutscher Bevölkerung im Landes Hessen, die Kreisverbände die Vertretung aller in ihrem Kreis organisierten ihrer Heimat beraubten Deutschen. Jeder Stadt- und Landkreis kann nur durch einen Kreisverband der Vertriebenen vertreten sein. Jedes Heimatgebiet kann nur durch eine Landesgruppe der Landsmannschaften vertreten sein.

Der Landesverbandsrat, der heute nicht mehr besteht, nahm die Vertreter der Landsmannschaften auf, die im Landesvorstand nicht vertreten waren.
Die damals festgelegten Grundsätze gelten auch heute noch. Es gab sicherlich unterschiedliche Meinungen; bei den Landsmannschaften auch solche, die den Standpunkt der Unabhängigkeit vertraten.
Heute wissen wir, dass die Marburger Beschlüsse eine ganz wesentliche Voraussetzung für die beachtlichen Leistungen waren und auch heute noch sind, die die Gesamtorganisation auf allen Gebieten ihrer Wirksamkeit hervorgebracht hat. Diese Tatsache, die allseits bestätigt wird, rechtfertigt nach mehr als 50 Jahren der Weitsichtigkeit der Frauen und Männer der ersten Stunde feierlich zu gedenken.
Der Landesverbandsvorsitzende des Bundes der vertriebenen Deutschen Josef Walter wurde nunmehr auch Vorsitzender des gemeinsamen Verbandes. Einen wesentlichen Anteil an diesen Beschlüssen hatte der Vorsitzende des Koordinierungsausschusses Frank Seiboth, der die Marburger Beschlüsse und die Beschlussfassung vorbereitete.

In der Landespolitik des Landes Hessen war inzwischen der Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) als Regierungskoalition mit der SPD und Georg August Zinn zusammengesetzt. Der Koalition gehörten als Wirtschaftsminister der Landesvorsitzende des BHE Gotthard Franke an, als Landwirtschaftsminister Gustav Hacker und Staatssekretär im Innenministerium Dr. Walter Preißler. Die Regierungsbeteiligung des BHE hatte natürlich auch einen großen Einfluss auf die Zielsetzung des Verbandes, weil es viel leichter war, Beschlüsse in der Landesregierung durch die Beteiligung in der Regierung durchzusetzen.
So hat beispielsweise der Bund der vertriebenen Deutschen wesentlich mitgearbeitet an der großen Aktion "Hessenplan". Hier war es die Idee des Beauftragten der Hessischen Landesregierung Dr. Wenzel Jaksch, bei der Arbeitsplatz- und Wohnraumbeschaffung insofern mitzuhelfen, als man die vertriebenen Deutschen, die teilweise in den Dörfern des Landes untergebracht waren, an den Arbeitsplatz, dies vornehmlich im Rhein-Main-Gebiet, heranzubringen und ihnen entsprechende Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen.
Der Bund der Vertriebenen hatte an dieser Aktion einen großen Anteil.

So ist beispielsweise dem Minister für Landwirtschaft Gustav Hacker die Aktion "Unser Dorf soll schöner werden", der Bau von Neben- und Vollerwerbssiedlungen für Heimatvertriebene wesentlich mit zu verdanken. Auf diesen Gebieten hat Hacker sich einen Namen geschaffen.

Eine große Aufgabe oblag dem Verband bei der Durchführung des Lastenausgleichs. Hier haben die ehrenamtlichen Helfer des Bundes der Vertriebenen in tausenden von Arbeitsstunden mitgeholfen, den beteiligten Personen bei der Ausfüllung ihrer Lastenausgleichsanträgen zu helfen.
Auf dem sozialen Gebiet haben sich viele Aufgaben aus den 50er und 60er Jahren im wesentlichen erledigt. Der Lastenausgleich und die Eingliederung der heimatvertriebenen Bauern ist im wesentlichen abgeschlossen. Auf diesem Gebiet gibt es keine neue Aufgaben , die sich schwerpunktmäßig jetzt verlagert haben auf die Betreuung der Spätaussiedler.

Der Landesverband hat wesentlich dazu beigetragen, dass das Deutsch-Europäische Bildungswerk entstanden ist, eine Einrichtung, die sich mit grenzüberschreitenden Maßnahmen in Ost- und Südosteuropa beschäftigt. Diese Tätigkeit wurde erst durch den Zusammenbruch des kommunistischen Regimes in den Ostblockstaaten möglich.

Auch im Rundfunkrat des Hessischen Rundfunke ist der Landesverband seit dem Jahr 2000 durch seinen Vorsitzenden Alfred Herold vertreten.
Diese Position war ein großes Anliegen der Heimatvertriebenen in Hessen, weil sie die Meinung vertreten haben, dass zu den relevanten Organisationen auch der Bund der Vertriebenen zählt.
In der Versammlung der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk (LPR) ist der Bund der Vertriebenen durch Herrn Karl Bauer vertreten.

Auch bei den jährlich stattfindenden Hessentagen sind die Heimatvertriebenen von Anfang an dabeigewesen, da die Hessentage durch Ministerpräsident Georg August Zinn ins Leben gerufen wurden, nachdem er sich bei einem Treffen der Sudetendeutschen im Jahre 1953, von dem er sehr beeindruckt war, dafür eingesetzt hat, dass auch in Hessen solche Tage stattfinden sollen.

Der 96 des Bundesvertriebenengesetzes, mit dem die Länder die Auflage bekamen, ostdeutsches Kulturgut zu erhalten und weiter zu verbreiten, hat den Verband von Anfang an beschäftigt. Hier war es damals der erste Leiter der Landeskulturstelle Edgar Hobinka und der Landeskulturrat, die dafür sorgten, dass entsprechende Initiativen durch den Verband ergriffen und an die Regierung weitergeleitet wurden. Dem Verband ist es zu verdanken, dass im Hessenpark ein Haus eingerichtet wurde mit Ausstellungsgut aus den Vertreibungsgebieten. Dieses Haus wurde inzwischen erweitert und zur Zeit arbeitet man daran, ein zweites Haus mit Scheune in diese Ausstellung einzubeziehen.
Der Landesverband war seit Gründung des Landesvertriebenenbeirates des Landes Hessen, der zur Beratung der Landesregierung geschaffen wurde, von Beginn an mit acht Personen beteiligt. Die Zusammenarbeit mit jeder Hessischen Landesregierung war gut, verständnisvoll, wenn auch mit der sozialdemokratisch- grünen Regierung sich einiges verschlechtert hat.

Durch die Aussiedler und Spätaussiedler, die aus der Sowjetunion aber auch aus Südosteuorpa, aus Oberschlesien und Schlesien ins Land kamen, erwuchsen dem Bund der Vertriebenen neue Aufgaben, die durch viele ehrenamtlich Tätige bewältigt werden mussten. Es galt, den Menschen, die teilweise schlecht oder gar nicht die deutsche Sprache sprachen bei der Eingliederung zur Seite zur stehen und wer konnte dies besser machen als die, die selber vertrieben worden waren.