Die deutschen Heimatvertriebenen in Hessen

Seit vielen Jahrhunderten siedelten Deutsche in Ost- und Südosteuropa. Sie waren zum überwiegenden Teil von den dortigen Landesherrn ins Land gerufen worden. Sie waren in zwei großen Siedlungswellen dorthin gekommen und haben im siedlungskundlichen Sinne Neuland geschaffen. So wurden im 11.-13. Jahrhundert das Sudetenland, Schlesien, die Mark Brandenburg, Pommern sowie Ost- und West-Preußen besiedelt. Auch im fernen Siebenbürgen und im äußersten Nordosten des Baltikums entstanden deutsche Inseln. Die zweite große Siedlungswelle setzte nach den Türkenkriegen ein, als die Habsburger Kaiser deutsche Kolonisten in ihre südöstlichen Kronlande riefen, um die verwüsteten Gebiete zu erschließen. So entstanden aus wilderWurzel deutsche Dörfer im Banat, der Batschka, später in Syrmien und Slawonien sowie in Bessarabien und dem Buchenland.

Sowohl die Nordost- und die Mitteldeutschen wie auch die Südostdeutschen schufen in jahrhundertelangem Bemühen eine kolonisatorische, zivilisatorische und kulturelle Leistung ohne Beispiel. Während sie innerhalb der deutschen Grenzen in einer achthundertjährigen Geschichte mit Mittel- und Ostdeutschland zu einem gemeinsamen Geschichtsbewußtsein zusammenwuchsen, blieben die auslandsdeutschen Gruppen in nahezu allen europäischen Staaten mit einer Brückenfunktion betraut, die europäische Pionierarbeit schuf. Burgen und Schlösser, Städte und Dörfer, Kirchen und Fabriken zeugen bis heute davon.

Die Bevölkerungsentwicklung führte zu einer Gesamteinwohnerzahl von über 18 Millionen Ost- und Auslandsdeutschen vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges. Davon war die Hälfte (über 9 Millionen) in den deutschen Ostgebieten ansässig, des weiteren lebten in:

Polen 1 200000 Rumänien 782000
Tschechoslowakei 3 500000 Jugoslawien 536000
Baltische Staaten 250000 Rußland 1 400000
Ungarn 600000

Deutsche; hinzu kommen kleinere Sprachinseln in anderen Staaten [ 1 ].

Schon im Vorfeld des zweiten Weltkrieges begann die Rückwahderung. 1938 gelangten die Bessarabien- und Buchenlanddeutschen auf Grund von zwischenstaatlichen Abkommen nach Deutschland. Von 1944 bis 1946 verloren etwa 15 Millionen Deutsche ihre Heimat durch Flucht, Vertreibung oder Ausweisung, über 2 Millionen kamen während der Vertreibungsmaßnahmen ums Leben [ 2 ].

In das Bundesland Hessen gelangten 93000 Ostpreußen, 71000 Pommern und Ostbrandenburger, 192000 Schlesier, also zusammen über 350000 aus den Ostgebieten des Deutschen Reiches. Hinzu kamen 394000 aus der Tschechoslowakei sowie 139000 aus den auslandsdeutschen Vertreibungsgebieten. Mit den 308000 zugezogenen Mitteldeutschen leben heute in Hessen über 1,2 Millionen Vertriebene. Bundesweit sind es etwa 12,8 Millionen [ 3 ].

Die Vertriebenen haben einen wesentlichen Anteil am Wiederaufbau und an der Entwicklung unseres Bundeslandes. Die wirtschaftliche Eingliederung in Hessen wurde erleichtert durch das Lastenausgleichsgesetz und den Hessenplan. Allein im Rhein-Main-Gebiet wurden zwischen 1952 und 1955 20000 Wohnungen für Vertriebene erstellt. Die Vertriebenen bauten eigene Industriezweige auf, wie z. B. Glasbläsereien und Musikinstrumentenbau.

Häuser der Heimat, Heimatstuben, Patenschaften, kulturelle Zentren, Tagungen und Veranstaltungen sind in fortwährender Breitenarbeit darum bemüht, ostdeutsches Kulturgut einzubringen, zu erhalten und weiterzuentwickeln.

Ein besonderes soziales Programm ist durch die Betreuung der Aussiedler in den letzten Jahren hinzugekommen.


[ 1 ] Gerhard Reichling: Die deutschen Vertriebenen in Zahlen. Bonn 1986.
[ 2 ] ders.
[ 3 ] Bayer. Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung: Vertriebene in Zahlen. München 1976. Nach den Ergebnissen der Volkszählung vom 27.05. 1970.