Die Entstehung des Bundes der Vertriebenen in Hessen und die "Marburger Beschlüsse" vom 10. Juni 1953

VORWORT

Zwei Gründe waren es, die uns veranlassten, die vorliegende Broschüre herauszugeben. Der eigentliche Anstoß kam - das muss neidlos eingestanden werden - von außerhalb unseres Verbandes. Ein Medienvertreter machte uns darauf aufmerksam, dass nun 50 Jahre vergangen sind, seitdem die sogenannten "Marburger Beschlüsse" proklamiert wurden. Aber wer weiß heute noch mit diesem Begriff etwas anzufangen?

Um die Hintergründe dieses für Außenstehende nicht einfach zu verstehenden Kapitels unserer Verbandsgeschichte zu erklären, muss man bei der Entstehung des "Bundes der Vertriebenen" in Hessen beginnen. Dies ist mit dieser Broschüre geschehen.

Um es auf einen Nenner zu bringen:
Die "Marburger Beschlüsse" besagen zweierlei:
1. Den Zusammenschluss der beiden großen Vertriebenenorganisationen in Hessen
2. Die Doppelmitgliedschaft mit einem einheitlichen Mitgliedsbeitrag.

Damit wurde in Hessen als erstem Bundesland der BdV - damals als BvD - als einheitliche Organisation der Vertriebenen konstituiert.

Inzwischen sind 50 Jahre vergangen und es erhebt sich die Frage, ob die damaligen Beschlüsse den gewünschten Erfolg brachten.

Leider muss heute festgestellt werden, dass noch nicht einmal in Hessen die "Marburger Beschlüsse" voll umgesetzt wurden. Trotzdem hat die Vergangenheit bewiesen, dass der damals aufgezeigte Weg die Grundlage für ein effektives Wirken unseres Verbandes war und auch heute noch ist.

Dies hat sich besonders nach der Wende gezeigt, als wir im westlichen Teil unseres Vaterlandes aufgerufen waren, beim Aufbau demokratischer Verbandsstrukturen in Mitteldeutschland mitzuhelfen.

Zum Schluss ein persönliches Bekenntnis: Über eine lange Zeit war ich der Meinung, dass die Landsmannschaften der bestimmende Faktor im Verbandsleben der Vertriebenen sein müssen.
Heute sage ich, dass nur die Geschlossenheit unserer Verbände uns in die Lage versetzt, unsere Arbeit konstruktiv fortzusetzen. Die Praxis zeigt sicher auch, dass die vor mehr als 50 Jahren gefassten Beschlüsse an manchen Stellen den heutigen Gegebenheiten angepasst werden müssen. Aber im Grundsatz erweisen sie sich immer noch als das tauglichste aller Modelle.

So sind alle Vertriebenengruppen aufgerufen, das große Erbe, das uns die Frauen und Männer der ersten Stunde hinterlassen haben, zu bewahren und in die Zukunft zu tragen.

NUR GEMEINSAM SIND WIR STARK!

Alfred Herold
Wiesbaden, im November 2003


Wenn gewaltige Erschütterungen ein Volk heimsuchen, findet es auch Möglichkeiten, sie zu überwinden, vorausgesetzt, dass es hierzu noch den Willen aufbringt. Wer will bestreiten, dass die ostdeutschen Menschen 1945 und in den Jahren danach in mehrfacher Hinsicht solchen Erschütterungen ausgesetzt waren. Das hatten sie mit dem ganzen deutschen Volke gemeinsam, dass sie die totalen Besiegten nach einem totalen Krieg waren. Darüber hinaus aber mussten sie auch noch ihre Heimat verlassen. Sie wurden gewaltsam vertrieben, verloren Hab und Gut und die Heimat und am Wege ihrer Flucht und Vertreibung lagen ihre Toten, gewissermaßen zusätzlich zu den menschlichen Opfern, die auch sie im Kriege gebracht hatten.

Nach der Kapitulation Deutschlands wurden auf Grund der Beschlüsse von Jalta und Potsdam deutsche Gebiete von Russland annektiert und riesige Provinzen, in denen früher das Brot für fast die Hälfte aller Einwohner Deutschlands wuchs, unter polnische Verwaltung gestellt. Aus diesen Gebieten, aber auch aus der Tschechoslowakei und Polen, aus Ungarn, Rumänien und aus den baltischen Ländern wurden alle Deutschen gewaltsam ausgewiesen und überschwemmten das westliche Deutschland, das den Zuzug von rund sieben Millionen Männern, Frauen und Kindern in einem zu 45 Prozent zerstörten Wohnraum unterzubringen hatte.

Während des Jahres 1945 kamen vornehmlich aus den preußischen Ostprovinzen die ersten Flüchtlinge nach Hessen; sie sickerten einzeln oder in kleinen Gruppen ein und ließen sich größtenteils in den nördlichen Landkreisen nieder. Diese Einzelflüchtlinge, die eine Exekution der verhängnisvollen Potsdamer Beschlüsse nicht abwarteten, sondern der Kriegswalze und dem Schicksal der östlichen Okkupation auswichen, gaben dem Millionenheer der Heimatvertriebenen den Namen Flüchtlinge, der leider in den Sprachgebrauch des Alltags und der Gesetze übergegangen ist.

Hessen hat bis zum 1. Juni 1949 652298 Flüchtlinge und Vertriebene im Sinne des Hessischen Flüchtlingsgesetzes aufgenommen. Von diesen kamen:
162 981 als Einzelgänger oder in kleinen Gruppen
(Heimatgebiete: West- und Ostpreußen, Pommern, Schlesien)
397 185 während des Jahres 1946 in planmäßigen Ausweisungstransporten auf Grund der Potsdamer Protokolle,
(Heimatgebiete: Böhmen, Mähren, Slowakei, Ungarn)
5 952 in 35 kleineren Transporten. Ausweisende Länder: Österreich, Holland, Dänemark, Polen
86 180 durch Zuzug aus anderen deutschen Ländern und Zonen, Familienzusammenführung, Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft, Flucht aus der CSR, nachträgliche Ausstellung von Flüchtlingsausweisen und Geburt von Flüchtlingskindern.

Das Jahr 1946, das in 374 Transporten 397185 Deutsche aus dem Gebiet der Tschechoslowakei nach Hessen brachte, erforderte organisatorische Höchstleistungen der kaum betriebsfähigen Bahn, einer aus dem Nichts geschaffenen Verwaltung und eines ohne Vorraussetzungen arbeitenden Ernährungs- und Gesundheitsdienstes.

Die Vertriebenen mussten nach monatelangem Lageraufenthalt im Ausweisungsland die lange Reise im Güterwagen zurücklegen; Kleinstkinder, hochschwangere Frauen und bewegungsunfähige Insassen von Altersheimen wurden nicht geschont. Von der Habe durften sie höchstens 1000,--RM und 50 kg Gepäck mitführen. Alle Wertsachen mussten sie zurücklassen.

Vom 01. Februar bis zum 31. Oktober 1946 hatte Hessen 365 Transporte aufzunehmen; täglich waren also 1418 Vertriebene in Auffanglager zu bringen, gesundheitlich zu betreuen, zu verpflegen und innerhalb einer Woche in Privatquartiere einzuweisen. Der Mai brachte mit 76 755 Vertriebenen (Tagesdurchschnitt 2476) die Hochflut.

Von den in Hessen aufgenommenen Vertriebenen stammten aus:
CSR 396 348
östlich Oder-Neisse-Linie 186 317
Ungarn 27 412
Polen 12 458
Österreich 6 775
Rumänien 4 171
andere Länder 18 817

Neben den Heimatvertriebenen haben in Hessen Aufnahme gefunden:
(Stand 31. März 1949)
Flüchtende aus der Sowjetzone 48 137
Ausländer (D. P.) 29 814
Evakuierte aus anderen deutschen Ländern und Zonen 214 087
Heimatvertriebene 652 298
Aufnahme insgesamt: 944 336

So aus ihren menschlichen und sonstigen Beziehungen herausgerissen, fanden sie in den Dörfern und Städten des restlichen Deutschland mehr schlecht als recht Zuflucht und Unterkunft. Was hier noch vorhanden war bot wenig Chancen, diese Erschütterungen, überhaupt dieses Schicksal, zu überwinden. Und dennoch - es wurde überwunden. Es waren zunächst nicht die äußeren Möglichkeiten, die dazu verhalfen, vielfach erschwerten sie das Zurechtfinden. Es waren die ungebrochene, innere Kraft, der Lebenswille, der Mut, von neuem zu beginnen. Es waren dieselben Kräfte, die den ostdeutschen Menschen seit der Kolonisation innewohnten und mit denen sie sich über Jahrhunderte im Grenzlandkampf bewährt hatten. Kaum dass sie ein Dach über dem Kopf gefunden hatten, regten sich die Heimatvertriebenen überall, in den Dörfern, den Landkreisen und Städten und suchten nach Möglichkeiten und später nach Formen, mit denen die äußere und innere Not überwunden werden konnte. Die Vertriebenenorganisation wurde nicht von oben her organisiert, sondern sie entstand unten durch Zusammenschlüsse in den Dörfern, u. zwar zunächst ohne Führungsnahme und Verbindung mit den Vertriebenen in den Nachbardörfern oder sogar mit höheren Stellen; solche gab es nicht. Damit aber zeigte sich schon die ungebrochene Kraft der vom Schicksal so schwer geschlagenen Menschen. Solchen Bestrebungen stand man oft verständnislos gegenüber und es war wiederum der Haltung der Vertriebenen zu danken, dass sie in ihrer Not nicht in das Fahrwasser radikaler Kräfte gerieten.

Ansätze zu solchen Zusammenschlüssen, die die ersten Anfänge einer Vertriebenenbewegung waren, zeigten sich schon im Jahre 1946. Es waren Notgemeinschaften, die zunächst nichts anderes wollten, als in ihrem neuen dörflichen Lebenskreis erträgliche Lebensbedingungen zu erreichen. Andere, etwa politische Zielsetzungen hatten sie nicht.
Weil die dörflichen Gruppenbildungen der Heimatvertriebenen im ganzen Lande erfolgten - hier früher und dort später - ohne Vorbild und innere Gesetze, trugen sie auch die verschiedensten Bezeichnungen. In Nordhessen entstanden so "Notgemeinschaften der Heimatvertriebenen" und "Betreuungsstellen für Flüchtlinge und Ausgewiesene". In anderen Teilen des Landes sprach man von "Hilfsdiensten der Heimatvertriebenen". Auch die Motive, die zur Gruppenbildung führten, die zwar alle ein und dieselbe Grundlage hatten, nämlich die Vertreibung, waren ganz verschieden. Sie bildeten sich gewissermaßen heraus und waren nicht zu trennen von jenen Persönlichkeiten, die initiativ wurden. So schloss man sich in Marburg zusammen, um eine Vertretung in den kommunalen Verwaltungsstellen zu erhalten. In Ziegenhain waren es zunächst rein wirtschaftliche Gesichtspunkte, unter denen der Zusammenschluss der Heimatvertriebenen versucht wurde, während in der Offenbacher Umgebung der Gedanke eines christlichen Hilfsvereins Ausgangspunkt des Zusammenschlusses war.

Wenn auch oft harte Auseinadersetzungen mit der einheimischen Bevölkerung oder mit den Verwaltungsstellen notwendig waren, um manchmal primitive Lebensvoraussetzungen zu erkämpfen. Wir wissen heute, wie groß die Belastung war, die die ansässige Bevölkerung übernehmen musste, so war doch allenthalben unter den Heimatvertriebenen der Wille vorhanden und auch spürbar, konstruktiv und aufbauend in der Gemeinschaft wirken zu wollen.

Die Lebensbedingungen in den Gemeinden werden stark beeinflusst von der Verwaltung der politischen Kreise. Das zeigte sich besonders stark hinsichtlich der dringendsten Bedürfnisse der Heimatvertriebenen. Deshalb wurden die Zusammenschlüsse, die sich zunächst auf die Gemeinden beschränkten, zu eng. Es galt, Einfluss zu gewinnen, auch bei den Kreisverwaltungen. So folgte dem ersten Schritt der zweite: Zusammenschluss aller in den Gemeinden entstandenen Vereinigungen zu einer Kreisvereinigung. Aber auch die lose Form der Gemeinschaftsbildung genügte nicht mehr. Die Aufgaben ergaben sich von selbst und sie erforderten eine straffere Form des Zusammenschlusses. Abneigung und Misstrauen mussten überwunden und ein gutes Vertrauensverhältnis hergestellt werden. Wie schwer gerade diese Aufgabe war, wissen die Männer und Frauen, die in der damaligen Zeit eine Führungsaufgabe übernommen haben. Das, was man bis dahin getan hatte und was man anstrebte, war ja verboten. Der spontane Zusammenschluss allenthalben, der nach Vollendung drängte, war zwar nicht zu unterbinden gewesen, er wurde aber weder von den deutschen Verwaltungsbehörden noch von der Besatzungsbehörde anerkannt, geschweige denn gefördert. Der äußere Zustand, in dem sich die Heimatvertriebenen befanden, ihre völlige Besitzlosigkeit, ließen ihre Forderungen bei der deutschen Verwaltung vermessen und manchmal sogar maßlos erscheinen. Die Militärverwaltung aber fürchtete extrem politische Kräftebildungen und scheute sich vor der konzentrierten Anklage ob des an den Vertriebenen begangenen Unrechts.

Nur durch die lauteren Absichten der Vertriebenen und nur durch reale Arbeit auf der Grundlage von Recht und Ordnung konnten diese Auffassungen positiv beeinflusst werden. Fast ein Jahr dauerte es, bis die amerikanische Militärregierung in ihrer Omgusverfügung Nr. 5 die Bildung von Vertriebenenorganisationen auf Orts- und Kreisebene erlaubte. Diese erlaubten Organisationsbildungen durften aber nur wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Zwecken dienen. Immerhin, der Weg zur Bildung von Kreisorganisationen war frei.

Und sie entstanden, wiederum jede für sich ohne Bindung und Beziehung zu anderen Kreisen, genau so, wie vorher bei den Ortsvereinigungen. Die Kreisorganisationen, lose noch in ihrem Aufbau, ohne feste Organisationsform und ohne Satzung, waren sowohl in ihrer Zielsetzung als auch in ihrer Arbeitsweise auf sich gestellt, und dennoch zeigte es sich später, dass Abweichungen voneinander kaum vorkamen. Schicksal und Lebensbedingungen waren gleich und überall herrschte der Gedanke vor, dass das Verbleiben "in der Fremde", wie man damals noch sagte, nicht von langer Dauer sein könnte. Man konnte es doch nicht fassen, dass ein solches Unrecht verewigt werden könne. Der Heimkehrwille beherrschte die Vertriebenen und wurde ohne Formulierung Grundlage eines dennoch gemeinsamen Vorgehens. Er wurde aber auch Abwehrwille gegen jede Benachteiligung im Aufnahmeland, weil man sich die Rückkehrfähigkeit instinktiv zu erhalten suchte.

Aus dieser immer stärker werdenden und sich unaufhaltsam organisierenden Willenbekundung heraus kann die erste Handlung der Hessischen Landesregierung erklärt werden. Sie verabschiedete 1947 das Hessische Flüchtlingsgesetz und räumte damit den Heimatvertriebenen erstmalig die Mitwirkung in allen Verwaltungsstufen ein. Die Flüchtlingsbeiräte im Land, in den Regierungsbezirken und in den Landkreisen wurden gebildet. Die Wahl von Ortsvertrauensmännern in allen Gemeinden wurde mit diesem Gesetz bzw. mit Ausführungsbestimmungen angeordnet. Die ersten Repräsentanzen der Vertriebenen auf gesetzlicher Grundlage waren geschaffen. Die nach diesem Gesetz zu wählenden Vertrauensmänner in den Gemeinden waren fast ausschließlich die Männer und Frauen, die bereits in der freien Gemeinschaftsbildung in den Vordergrund getreten waren. Genau so verhielt es sich auf der Kreis- und Landesebene bei der Bildung der Flüchtlingsbeiräte. Die Zeit war gekommen, die Verbindung zwischen den einzelnen Kreisorganisationen und denen der Kreisorganisationen zum Landesflüchtlingsbeirat herzustellen. In einer ersten Zusammenkunft im Jahr 1947 in Gießen wurden Möglichkeiten einer Landesorganisation erörtert. Das Ergebnis war der Auftrag, Organisationspläne als Grundlage für eine Landesorganisation zu erarbeiten.

Die Diskussion über eine Gründung einer Landesorganisation war im ganzen Lande ausgelöst. Und sie kam nicht mehr zum Verstummen. Noch galt die Omgusverfügung Nr.5 der amerikanischen Militärregierung, wonach Organisationen nur bis zur Kreisebene gestattet waren. Der Bildung einer Landesorganisation standen also noch Hindernisse im Wege, die zunächst weggeräumt werden mussten. Die Maßnahmen hierzu begannen im Oktober 1947 und zwar mit einer ersten Begegnung mit der Hessischen Landesregierung und Vertretern der Militärregierung. Diese Besprechung führte aber zu nichts, weil der zuständige Minister erklärte, dass in seiner Gegenwart von der Bildung eines Landesverbandes nicht gesprochen werden dürfe. Dieser Tag, auf den man so große Hoffnungen gesetzt hatte, brachte also kein Ergebnis im angestrebten Sinne. Die Vertreter der Heimatvertriebenen beschlossen nun, einen zwölfgliedrigen Ausschuss zu bilden, der die Gründung eines Landesverbandes vorbereiten sollte.

Die nun in allen Kreisen entstandenen Kreisverbände entschlossen sich, eine freie Arbeitsgemeinschaft zu bilden. Sie ging mit der Bezeichnung "Ago" in die Verbandsgeschichte ein. Diese Arbeitsgemeinschaft nahm langsam festere Formen an. Josef Walter übernahm in ihr die Führung. In einem Keller der Schule im Prüfling in Frankfurt wurde die erste, äußerst primitive Geschäftsstelle eingerichtet, die aber bald danach in eine Dachkammer in Dillenburg verlegt wurde.

Der Landesflüchtlingsbeirat wurde neu besetzt. Den Kreisverbänden wurden fünf Sitze eingeräumt und nun zogen gewählte Vertreter in dieses Gremium ein. Dieser Schritt der Hessischen Landesregierung zeigte sehr bald gute Früchte. Erste Richtlinien für die Eingliederung der Vertriebenen entstanden, Novellen zum Hessischen Flüchtlingsgesetz regelten u.a. den Anteil der Vertriebenen an der Gesamtzahl der Beschäftigten in der öffentlichen Verwaltung. Trotzdem konnte man sich noch immer nicht entschließen, die Bildung eines Landesverbandes offiziell zuzulassen. Langsam wurde aber dieser Zustand immer unerträglicher. Man forderte von unten her kategorisch den Zusammenschluss, weil man auch die Grenzen, die der Gesamtarbeit mit dem herrschenden Zustand gesetzt waren, ganz einfach sprengen wollte und musste.

So entschloss man sich denn zu einer Tat. Am 11. Dezember 1948 wurde im Operncafe zu Frankfurt der einstimmige Beschluss gefasst, den Landesverband endlich zu gründen und zwar ohne Rücksicht darauf, ob eine solche Gründung auf Gegenliebe bei der Hessischen Landesregierung und der amerikanischen Militärregierung stoßen würde. Wie entschlossen man war, alle Widerstände zu beseitigen, geht daraus hervor, dass sogleich eine Satzung angenommen und ein Vorstand gewählt wurde. Sitz des Landesverbandes wurde Dillenburg. Man hatte nun ein Instrument, mit dem Ideen und Pläne verwirklicht und Impulse gegeben werden konnten. Dieses Instrument war der "Landesverband der Heimatvertriebenen" und seine Mitglieder waren die längst bestehenden Kreisverbände.

Die planmäßige Organisationsarbeit begann sofort. Wo Ortsverbände noch nicht bestanden, wurden sie gegründet. Aus der losen Form mit der Groschen-Abgabe beim Empfang der Lebensmittelkarte wurden festgefügte Ortsverbände mit Beitragserhebung. Die Kreisverbände gaben sich Satzungen, nach der Satzung des Landesverbandes ausgerichtet. Sie wurden in die Vereinsregister bei den Amtsgerichten eingetragen.

Zum ersten Mal machte der "Landesverband der Heimatvertriebenen" von sich reden, als er im Juni 1949 seinen ersten Verbandstag in Gelnhausen durchführte. Es wurden die ersten satzungsgemäßen Wahlen durchgeführt. Man gab sich ein erstes, festgefügtes und durchdachtes Programm, das die Forderung nach Anerkennung des Heimatrechtes, nach einem gerechten Ausgleich der Lasten, nach politischer Willensfreiheit enthielt und das als die "Gelnhausener Proklamation" in die Geschichte des Landesverbandes einging. Diese Proklamation ist bis heute die Grundlage der Verbandsarbeit geblieben. Sie brauchte nie geändert, sondern nur ergänzt und erweitert zu werden. In vielen Versammlungen im ganzen Land waren Weg und Wille der Heimatvertriebenen erforscht worden. In der "Gelnhausener Proklamation" hatten sie ihren Niederschlag gefunden, die in der ersten Großkundgebung im Rahmen dieses ersten Verbandstages in der altehrwürdigen Kaiserpfalz zu Gelnhausen verkündet wurden.

Zu Zehntausenden kamen die Heimatvertriebenen alljährlich zu den großen Verbandstagen und nahmen teil am Geschehen. Für viele waren es Wiedersehensfeiern und für alle ein Suchen nach den alten Bekannten und Freunden aus der Heimat. In Fulda 1950 waren es 65000, in Frankfurt 1951 120000, in Gießen 1952 über 100000 Teilnehmer.

Aber nicht nur am großen Geschehen, an den Großveranstaltungen nahmen die Vertriebenen teil, sie begannen auch das eigene Leben zu gestalten, fügten sich langsam ein in das traditionsgebundene Dorfleben und drückten ihm häufig sogar ihren Stempel auf. So fehlten die Festwagen der Vertriebenen, auf denen sie heimatliches Volkstum, Sagen und Märchen gestalteten, in keinem dörflichen Festzug mehr. Mit der Festigung der Organisation auf allen Ebenen waren Mutlosigkeit und Resignation überwunden und unbändig kam der Wille zur Leistung, zum gemeinsamen Wiederaufbau zum Durchbruch.

Die Landesverbandstage waren aber nicht nur Massenkundgebungen und damit äußerlicher Ausdruck des Willens der Heimatvertriebenen in Hessen, sie waren auch Marksteine am Wege der inneren und äußeren Entwicklung. Schon in Fulda erschien der Verband als absolut gefestigte Organisation.

1951 in Frankfurt verkündete der Hessische Ministerpräsident Dr. Georg August Zinn den 120000 Heimatvertriebenen auf dem Gelände hinter der Messehalle den Entschluss der Hessischen Landesregierung, den "Landesverband der Heimatvertriebenen" als einzige legitime Vertretung aller Heimatvertriebenen in Hessen und damit als echter Partner der Landesregierung anzuerkennen. Damit waren erst recht die Erfolgsgrundlagen geschaffen und die erste Tat aus dieser Partnerschaft war die Aufnahme des "Hessenplanes" in das Regierungsprogramm. Es beginnt eine Zeit der Entfaltung, harter, erfolgreicher Arbeit, aber auch die Übernahme größerer Verantwortung. In den Jahren des Hessenplanes wurde Zehntausenden Familien in Hessen Arbeit und Wohnung in der Nähe des Arbeitsplatzes gegeben. Dieser Hessenplan, angeregt vom Verband und mit seiner Mitwirkung von der Hessischen Landesregierung durchgeführt, wurde zur großen Binnenumsiedlung, einer Eingliederungsmaßnahme, die in den umfassenderen Landesentwicklungsplan einmündete. Mit Hilfe des "Hessenplanes" war es gelungen, Mutlosigkeit und Resignation zu überwinden und den Willen zum gemeinsamen Wiederaufbau des Aufnahmelandes zu mobilisieren. Allenthalben regten sich die Kräfte. Der Anfang zur Überwindung der Arbeitslosigkeit, von der die Heimatvertriebenen in besonderem Maße betroffen waren, war gemacht. Eine besondere Kategorie von Vertriebenen entstand - die Pendler. Sie waren in ländlichen Bezirken recht und schlecht untergebracht worden. Arbeitsplätze aber entstanden in der Hauptsache in den sogenannten Ballungsgebieten. Pendlertum - das waren schwere Belastungen für die Familien und den, den es traf. Doch mit den Belastungen wuchs auch die Hoffnung auf baldige Besserung der Lage. Der Verband hatte zusammen mit den anderen Landesverbänden die Forderung auf einen Ausgleich der Kriegslasten durchgesetzt. Das Bundesvertriebenengesetz und das Lastenausgleichsgesetz bildeten die rechtlichen Grundlagen. Insbesondere das Lastenausgleichsgesetz gab die Möglichkeit, Hausrat zu beschaffen und stellte Entschädigungen für Vermögensverluste nicht nur in Aussicht, sondern es sicherte sogar den Rechtsanspruch darauf.

Der Landesverband der Heimatvertriebenen war inzwischen zu stärksten Mitgliederorganisation im Lande geworden. Es gab viel zu tun.

Mit einer großen Leistungsschau wurden 1952 in Gießen der Öffentlichkeit die Leistungen, die in wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Hinsicht in so kurzer Zeit nach der Vertreibung vollbracht worden waren, vorgestellt. Sie zeigte die Erzeugnisse von in Hessen neu entstandenen Vertriebenenbetrieben und Gemeinschaftsleistungen des Verbandes. Aus dem Nichts, lediglich mit Kredithilfen des Landes Hessen waren neue Existenzen entstanden, Handwerks- und Handelsbetriebe und Industrien, die zugleich vielen Menschen auch wieder Arbeitsplätze sicherten. Der Gesamteindruck, den diese Leistungsschau vermittelte, legte Zeugnis ab von den Ordnungskräften, dem Aufbauwillen und den Fähigkeiten, die die Heimatvertriebenen aus ihrer Vertreibung gerettet und mitgebracht hatten.

Längst war das Vertriebenenproblem in den Bereich der öffentlichen Diskussion gerückt. Die Anliegen der Heimatvertriebenen wurden jeden Sonntag um die Mittagszeit im Hessischen Rundfunk in der Sendereihe "Der gemeinsame Weg" diskutiert.

Die von der Hessischen Landesregierung in Frankfurt 1951 verkündete Anerkennung des "Landesverbandes der Heimatvertriebenen" wurde auf den "Bund der vertriebenen Deutschen" übertragen. Der damalige Landesverband der Heimatvertriebenen bis zum Ende des Jahres 1952 hatte sich auf allen Ebenen gefestigt. 45 Kreisverbände mit über 2.500 Ortsverbänden waren entstanden.

Neben dem in der Öffentlichkeit und von den staatlichen Stellen längst anerkannten Landesverband der Heimatvertriebenen waren inzwischen auch landsmannschaftliche Organisationen entstanden. In den Städten und größeren Gemeinden fand man sich nach Herkunftsgebieten zusammen und gründete nach und nach landsmannschaftliche Landesorganisationen. Bis 1953 waren für alle Heimatgebiete der Vertriebenen Landsmannschaften entstanden.

Während der Landesverband der Heimatvertriebenen sich im wesentlichen der Bewältigung der sozialen Not und der Eingliederung in das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben annahm, ging es in den Landsmannschaften um die Erhaltung und Stärkung des Heimatbewusstseins sowie um die Bewahrung des heimatlichen Kulturerbes.

Sie verfügten über den Rückhalt ihrer jeweiligen Bundesorganisation und hatten sich im Mai 1950 mit den Vereinigten Ostdeutschen Landsmannschaften (VOL) auch in Hessen eine Dachorganisation geschaffen. Damit waren sie in der hessischen Flüchtlingspolitik ein auf Dauer angelegter und nicht zu übergehender Faktor.

Es hätte im Bereich des rein Menschlichen gelegen, dass es beim Bestehen mehrerer Organisationen nebeneinander schon der Mitglieder wegen zu Auseinandersetzungen hätte kommen können. Sie hätten die notwendigen Kräfte zur Überwindung sowohl der sozialen wie der seelischen Not gelähmt. Die Bekenntnisse in der Charta der deutschen Heimatvertriebenen von 1950 zum Wiederaufbau von Deutschland und Europa wären in Frage gestellt. Dazu durfte es nicht kommen. Das war die Meinung der Frauen und Männer, die vor 50 Jahren an der Spitze der verschiedenen Organisationen standen. Sie entschlossen sich, alle inzwischen in Hessen entstandenen Verbände in einem großen Gesamtverband mit klarer Zielsetzung und Aufgabenteilung zusammenzuführen.

Im November 1952 auf einer gemeinsamen Tagung der Präsidien der beiden damaligen Bundesdachorganisationen, des Zentralverbandes der vertriebenen Deutschen und des Verbandes der Landsmannschaften in Wiesbaden wurde eine Einigung über die "Grundsätze für den Aufbau des Bundes der vertriebenen Deutschen (BvD)" erzielt. Die wichtigsten Punkte dieser fortan als "Wiesbadener Grundsätze" bezeichneten Einigung waren:

1. Der BvD ist der Zusammenschluss der BvD-Landesverbände und der Landsmannschaften auf Bundesebene.

2. Die bisherigen Einzelmitglieder der ZvD-Landesverbände und der Lands mannschaften sind die Mitglieder der BvD-Landesverbände und der Landsmannschaften auf Bundesebene.

3. Die beiderseitige Überführung der Mitglieder erfolgt nach Zustimmung der ZvD-Landesverbände und der Landsmannschaften auf Bundesebene zu der Satzung und diesen Organisationsgrundsätzen ...

4. Die Überführung der Mitglieder erfolgt durch Austausch der Mitgliederlisten nach den gemeinsam herauszugebenden Anweisungen ...

7. Die Durchführung der Mitgliederüberführung und der Wahlen wird im wechselseitigen Benehmen dort, wo der ZvD mitgliedermäßig überwiegt, vom ZvD, sonst von den Landsmannschaften veranlasst.

8. Die gewählten Obleute der Landsmannschaften auf Orts- , Kreis- und Landesebene gehören den Vorständen des BvD als geborene Mitglieder an. Die Zahl der geborenen Mitglieder darf die Zahl der gewählten Mitglieder im BvD-Vorstand nicht übersteigen.

9. Um die Durchführung des BvD-Aufbaues nach diesen Grundsätzen zu gewährleisten, werden auf Landesebene Organisationsausschüsse gebildet, die von je einem Vertreter des ZvD und der Landsmannschaften gebildet werden.

10. Die Bundesversammlung ... besteht aus 100 Delegierten, von denen 50 die BvD- Landesverbände und 50 die Landsmannschaften stellen. Für die Aufschlüsselung der Delegierten innerhalb des BvD und der Landsmann schaften ist die Zahl der Mitglieder maßgebend. Die Bundesversammlung beschließt die Satzung und wählt die drei Mitglieder des Präsidiums.

11. Der Bundesvorstand besteht aus dem Präsidium, den Vorsitzenden der BvD- Landesverbände und der gleichen Anzahl landsmannschaftlicher Sprecher. ..

13. Alle erforderlichen Durchführungsbestimmungen, Presse- und Rundfunk erklärungen, ebenso alle Rundschreiben, die den Aufbau des BvD betreffen, ergehen auf allen Organisationsebenen ... gemeinsam.

Diese "Wiesbadener Grundsätze" wurden später zum Grundstein der "Marburger Beschlüsse", durch die in Hessen als erstem Bundesland der BvD als einheitliche Organisation der Vertriebenen konstituiert wurde.

Noch bevor die Gefahr ernsthafter Auseinandersetzungen, die die inneren Kräfte der Vertriebenenarbeit gelähmt hätten, aufkommen konnte, entschlossen sich die Verantwortlichen, alle Kräfte und Gruppierungen in einem einheitlichen Verband zusammenzuführen. Nachdem ein Organisationsausschuss unter der Leitung von Frank Seiboth fast ein ganzes Jahr lang die Vorraussetzungen für den Zusammenschluss erarbeitete und vermeintliche Hindernisse überwunden hatte, konnte am 10. Juni 1953 in Marburg in der Aula der Philipps-Universität der Gesamtverband der Heimatvertriebenen proklamiert werden. Er gab sich den Namen "Bund der vertriebenen Deutschen - Vereinigte Landesgruppen der Landsmannschaften und Kreisverbände". So wurde dieser Verbandstag zum Wendepunkt in der Organisationsgeschichte des Verbandes.

Diese so wichtige Entscheidung ist als die "Marburger Beschlüsse" in die Verbandsgeschichte eingegangen. Ihren Niederschlag fanden sie in der Satzung, die am Tag zuvor bei einer gemeinsamen Konferenz beschlossen worden war. Die wichtigsten Merkmale künftiger Organisationsgrundlage waren:

In der damals beschlossenen Satzung heißt es dazu:

§ 1 Name und Sitz
Der Landesverband führt den "Bund der vertriebenen Deutschen - Vereinigte Landesgruppen der Landsmannschaften und Kreisverbände - Landesverband Hessen e. V.", kurz "BvD-Landesverband Hessen e.V.". Der Namen wurde später geändert in: "Bund der Vertriebenen - Vereinigte Landesgruppen der Landsmannschaften und Kreisverbände - Landesverband Hessen e.V.".

Der § 4 umschreibt, wer Mitglied des Landesverbandes ist. In den Absätzen 1 und 2 heißt es: Ordentliche Mitglieder sind die Landesgruppen der Bundeslandsmannschaften und die Kreisverbände des Bundes der vertriebenen Deutschen in Hessen.

Die Landsmannschaften sind die Vertreter ihrer Heimatgebiete und deren deutschen Bevölkerung im Lande Hessen; die Kreisverbände die Vertretung aller in ihrem Kreise organisierten ihrer Heimat beraubten Deutschen. Jeder Stadt- und Landkreis kann nur durch eine Landesgruppe der Landsmannschaft vertreten sein.

Die paritätische Zusammensetzung des Landesverbandstages regelt § 12, in dem die Abschnitte 2 und 3 lauten:
Der Landesverbandstag setzt sich aus der gleichen Zahl bevollmächtigter Vertreter der Landesgruppen einerseits und der Kreisverbände andererseits zusammen. Die Bevollmächtigung ist nachzuweisen.

Jede Landesgruppe und jeder Kreisverband haben mindestens ein Mandat (Grundmandat). Im übrigen erfolgt die Ermittlung der zahl der weiteren Mandate nach folgenden Richtlinien:

  1. Kreisverbände mit mehr als 500 Mitgliedern erhalten für je weitere angefangene 500 Mitglieder ein weiteres Mandat;
  2. die Landesgruppen erhalten zu ihren Grundmandaten soviel weitere Mandate, dass die Gesamtzahl der Mandate der Kreisverbände erreicht wird; die Aufstellung der Mandate der Landesgruppen erfolgt im Verhältnis ihres Mitgliederbestandes zueinander ...

In welcher Weise die paritätische Zusammensetzung im Landesvorstand geregelt wird, geht aus § 13a) b) und j) k) hervor. Hier heißt es:
Der Landesvorstand besteht aus dem Landesvorsitzenden, drei Stellvertretern, von denen einer der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Landsobmänner sein soll. Es werden dann die Funktionsträger aufgeführt, die keiner der Gruppen zuzurechnen sind. Die Parität wird aber dann wieder deutlich, wenn es heißt, dass fünf Vertreter der Kreisverbände und fünf Vertreter der Landsmannschaften dem Gesamtvorstand angehören. Der Landesverbandsrat, der heute nicht mehr besteht, nahm die Vertreter der Landsmannschaften auf, die im Landesvorstand nicht vertreten waren.

Damit waren alle unter einem Dach und konnten sich - Landsmannschaften und Kreisverbände kraft der Autonomie - frei entfalten. Die schon in Fulda 1950 beschlossene und begonnene kulturelle Arbeit erhielt unerhörten Auftrieb. Die Landsmannschaften konnten nun die bereits bestehende Landeskulturstelle ausbauen helfen und in Anspruch nehmen. Die Landeskulturstelle entwickelte eine solche Aktivität, dass die kulturellen und heimatpolitischen Aufgaben sehr bald in Bedeutung und Erfolg gleichrangig neben den wirtschaftlichen und sozialen Eingliederungsaufgaben standen.

Die damals festgelegten Grundsätze gelten auch heute noch. Es gab sicherlich unterschiedliche Meinungen; bei den Landsmannschaften auch solche, die den Standpunkt der Unabhängigkeit vertraten.

Heute wissen wir, dass die Marburger Beschlüsse eine ganz wesentliche Voraussetzung für die beachtlichen Leistungen waren und auch heute noch sind, die die Gesamtorganisation auf allen Gebieten ihrer Wirksamkeit hervorgebracht hat. Diese Tatsache, die allseits bestätigt wird, rechtfertigt nach 50 Jahren der damaligen Weitsichtigkeit der Frauen und Männer der ersten Stunde zu gedenken.